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Nachhaltigkeit in der Schweizer Uhrenindustrie – die Gewinnung von Rohstoffen

Nachhaltigkeit in der Schweizer Uhrenindustrie – die Gewinnung von Rohstoffen

Das Thema Nachhaltigkeit ist und bleibt ein schwieriges, ja sogar teilweise Tabu-Thema in der Welt der Luxusgüter. Obwohl Schweizer mechanische Uhren durch ihre Langlebigkeit von Natur aus gewissermaßen nachhaltig sind, fallen auch sie in die Kategorie „Luxusprodukt“. Daher liegt es in der Verantwortung der Industrie und der Verbraucher, die ethischen und ökologischen Auswirkungen der traditionellen Uhrmacherei zu berücksichtigen.

Wir haben uns aufgemacht, die positiven aber auch weniger positiven Aspekte der Schweizer Uhrenindustrie in Sachen Nachhaltigkeit unter die Lupe zu nehmen, mit dem Ziel, Sie bei Ihrer Kaufentscheidung zu unterstützen. Wir haben dazu auch mit Tobias Kind-Rieper, Global Lead Bergbau und Metalle von WWF gesprochen, um zu diesem Themen eine Expertenmeinung einzuholen.

Diese Woche starten wir unsere Nachhaltigkeitsserie mit dem brisanten Thema: die Gewinnung und Nutzung von Rohstoffen und ihre Umweltauswirkungen.

Wissen ist Alles: Auswirkungen des Metallbergbaus

Einen Artikel über Nachhaltigkeit in der Schweizer Uhrenindustrie ohne die Auswirkungen der Metallgewinnung zu schreiben, wäre fast unmöglich. Daher startet unsere Serie auch genau mit diesem Thema. Grundsätzlich musst man sich darüber bewusst sein, dass Metall nicht erneuerbar ist. Wenn es weg ist, ist es weg. Außerdem sind Metalle nicht gerade einfach zu gewinnen. Aluminium, welches sich auf den Lünetten vieler Sportuhren wiederfindet, benötigt besonders viel Energie für die Gewinnung.

Die Gewinnung von Aluminium, das häufig für Uhrenlünetten verwendet wird,
verbraucht enorm viel Energie.

Die Gewinnung von Metallerz, sei es Eisenerz (die Basis von Stahl), Platin oder anderen Metallen erfordert eine großflächige Rodung von Land und enorm viel Energie. Darüber hinaus findet der Metallerzabbau normalerweise an abgelegenen Orten dieser Welt statt, was zusätzlich zu einer hohen Umweltbelastung durch den Transport führt. Andererseits kann Metall aber auch recycelt werden; ein Aspekt, der dank führender Uhrenhäuser wie Panerai in der Uhrenindustrie an Dynamik gewinnt.

Panerai Submersible eLAB-ID

Das Recyceln von Metallen kann einen erheblichen Unterschied machen; so verbraucht das Recycling einer Tonne Metallschrott bis zu 95 Prozent weniger Energie, als für die Herstellung einer „neuen“ Tonne Metall aus Rohstoffen benötigt wird. Darüber hinaus muss man allerdings den Bedarf in der Uhrenindustrie auch in Relation zu anderen Produkten betrachten; es ist natürlich immer lobenswert, Metall zu recyceln, dennoch verbrauchen Uhren im Vergleich zu vielen anderen Alltagsgegenständen, von Autos bis hin zu Haushaltsgeräten, letztendlich winzige Mengen an Metall.

Gold in der Schweizer Uhrenindustrie

Das gilt jedoch nicht für Gold – ein gängiges Material in der Schweizer Uhrenindustrie. Die Gewinnung von Gold bedarf das Entfernen enormer Erdmengen, um letztendlich nur geringfügige Mengen des Edelmetalls zu gewinnen. Eine Tonne Gestein enthält nur ein bis sechs Gramm Gold. Darüber hinaus gibt es während des gesamten Abbauprozesses zahlreiche weitere Herausforderungen zulasten der Umwelt; von Umweltverschmutzung bis hin zur Rodung von Wäldern. Dabei ist die Wasserverschmutzung ein besonders ernstes Thema. In goldreichen Ländern wie Teilen Lateinamerikas, Afrikas und Asiens ist Wasser ohnehin knapp, und die bei der Goldgewinnung produzierten Giftstoffe können eine bedeutende Rolle bei der Zerstörung ganzer Ökosysteme spielen.

Die Auswirkungen von Goldminen auf die Umwelt können gravierend sein.

Das gilt insbesondere auch für den Kleinbergbau, bei dem die Arbeiten nur manuell getätigt werden. Erstaunlicherweise sind sie aber die Hauptursache für die Quecksilberverschmutzung im Amazonasgebiet. Das Thema ist auch derzeit verstärkt in den Medien zu beobachten, da mehrere Arten des heimischen Süßwasserdelfins stark bedroht sind.

Laut Tobias Kind-Rieper, Global Lead für Bergbau und Metalle beim WWF betreffen die Auswirkungen des Abbaus von Rohstoffen durch Mienen auch indigene Völker. „Wir haben festgestellt, dass durch den Bergbau bereits bis zu drei Millionen Menschen mit hoher Quecksilberbelastung betroffen sind. Die Gesundheit vieler Ureinwohner ist bedroht. Wir haben Bilder von schwangeren Frauen gesehen, die nach dem Verzehr von Fisch von einer Kontamination betroffen waren. In Schutzgebieten darf nicht abgebaut werden. Wenn Bergbau um die indigenen Gemeinschaften herum betrieben wird, dann muss dies zumindest verantwortungsvoll geschehen.“

Tobias Kind-Rieper – Global Lead Bergbau & Metalle beim WWF

Nachhaltigkeit als Kaufkriterium

Angesichts dieser entmutigenden Fakten ist es nicht verwunderlich, dass laut einer Umfrage von Deloitte im letzten Jahr inzwischen 50 Prozent der Verbraucher beim Uhrenkauf auf Nachhaltigkeit achten. Viele sind bereit, tiefer für ein Produkt in die Tasche zu greifen, bei dem die Lieferketten möglichst transparent nachzuverfolgen sind. Dennoch machen immer noch viele Schweizer Uhrenmarken weder Angaben zu Herkunft noch geben sie Statistiken zu ihrem Gold heraus. Das mag vielleicht den Verbraucher beim Kauf verunsichern, ist aber nicht gleich als unseriös zu betrachten.

Einige Schweizer Uhrenhersteller sind zurückhaltend mit der Auskunft über Produktionszahlen.

Denn ein Grund für die Verschwiegenheit mancher Hersteller ist, dass Wettbewerber diese Zahlen möglicherweise missbrauchen, um so die Produktionsmengen abzuschätzen. Und darüber geben Uhrenmarken generell ungern Auskunft. Da Schweizer Uhrenmarken immer auch automatisch mit Luxus assoziiert werden, wissen viele Menschen gar nicht, dass auch Gold weitaus häufiger recycelt wird, als man es erwarten würde. Auch hierzu schweigen die Marken gerne, denn in der Welt der Luxusgüter kann es die Kunden auch schnell abschrecken. Dennoch muss sich die Geheimnistuerei ändern. Immerhin gehen laut einem WWF-Bericht von 2018 zwischen 60 bis 70 Prozent des weltweit geförderten Goldes zur Veredelung in die Schweiz, wovon die Uhren- und Schmuckindustrie über 50 Prozent der jährlichen Goldproduktion verbraucht. Obwohl das Gold in der Schweiz verarbeitet wird, muss es jedoch nicht zwingend von Schweizer Unternehmen genutzt werden, sondern durchläuft das Land manchmal ausschließlich für die Veredelung.

Rund 60 bis 70 Prozent des weltweit geförderten Rohgoldes
gelangen zur Weiterverarbeitung in die Schweiz.

Diamanten in der Schweizer Uhrenindustrie

Im Jahr 2018 wurden etwa 67 Prozent der weltweit neu geförderten Rohdiamanten von der Uhren- und Schmuckindustrie in Anspruch genommen. Nur wenige machen sich Gedanken darüber, woher die Manufakturen ihre Diamanten beziehen. Noch weniger wissen, wie ihre Lieferanten sie gewinnen. Diamanten liegen über hundert Kilometer unter der Erde in einem Gestein namens Kimberlit. In diesem Gestein kristallisieren Hitze und Druck der Erde auf natürliche Weise Kohlenstoff zu Diamanten. Durch die im Umfeld von Vulkanen entstehenden Gase gelangen sie recht rasch näher an die Oberfläche. Die Gewinnung dieser Diamanten ist jedoch ein enorm aufwendiger Prozess, der sich jedoch durch seinen hohen und stabilen Wert auszuzahlen scheint. Tatsächlich sind Diamanten oftmals wertstabiler als Silber oder Gold.

Das Kimberley Abkommen

Aufgrund des konstant hohen Wertes brach in den 90er Jahren ein Bürgerkrieg um die sogenannten „Blutdiamanten“ aus. Länder wie Sierra Leone und Angola kämpften um den lukrativen Kimberlit-Rohstoff. Aus diesem Grund hat die internationale Gemeinschaft (inzwischen 83 Regierungen) im Jahr 2000 das Kimberley Abkommen ins Leben gerufen und damit einen Null-Toleranz-Ansatz für die Verwendung von „Blutdiamanten“ eingeführt.

Das Kimberley Abkommen erfordert ein autorisiertes Zertifikat für jeden einzelnen zum Kauf angebotenen Rohdiamanten. Die Schweiz ist seit 2003 Teil des Kimberley Abkommens – und der 2006 verabschiedete Ethikkodex der Schweizer Uhren- und Schmuckindustrie verweist ausdrücklich auf die Regeln des Kimberley Abkommens. Er bezieht sich allerdings nur auf den Handel mit Rohdiamanten. Das ist insofern problematisch, als dass die Schweizer Uhrenindustrie dazu neigt, mit polierten Diamanten zu arbeiten. Daher sind die Uhrenmarken technisch nicht direkt zur Angabe von Lieferketten ihrer Diamanten verpflichtet.

Die Schweiz ist seit 2003 Teil des Kimberley-Abkommens.

Responsible Jewellery Council (RJC)

Der Großteil der namhaften Schweizer Uhrenmarken ist Mitglied des Responsible Jewellery Council. Ziel ist es, die Lieferketten so verantwortungsvoll und nachhaltig wie möglich zu gestalten. Das RJC setzt klare Standards für so ziemlich alle gängigen Mineralien und Metalle der Schweizer Uhrenindustrie. Wenn ein Unternehmen darin Mitglied ist, kann der Kunde in der Regel davon ausgehen, dass sie ein Produkt einer ethisch verantwortungsvollen Marke kaufen.

Können Verbraucher den Zertifikaten vertrauen?

Wie effektiv ist das RJC also wirklich – und können die Verbraucher ihm vertrauen? Tobias Kind-Rieber sagt dazu: „Für Unternehmen im Allgemeinen ist eine Zertifizierung immer gut. Unser Ansatz ist jedoch, dass die Zertifizierung nur ein Teil des Beitrags zu einem verantwortungsvollen Umgang sein sollte. Wenn es um einen verantwortungsvollen Mineralabbau geht, gibt es bei der Zertifizierung oftmals Probleme, zum Beispiel wenn es um die Nachverfolgung seriöser Lieferanten geht. Eine Zertifizierung kann nicht alles zu 100 Prozent absichern. Es ist wichtig, dass Unternehmen die Nachverfolgung und damit eine verantwortungsvolle Beschaffung entlang der Wertschöpfungskette sicherstellen, die oftmals über die Zertifizierung hinausgeht.“

Und Kind-Rieper sagt weiter: „Nachhaltigkeitsberichte von Unternehmen sollten öffentlich zugänglich sein. Für den Verbraucher ist es wichtig zu erfahren, was ein Unternehmen dafür tut, um die negativen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt zu minimieren. Bei der Investition in eine neue Uhr lohnt es sich durchaus, sich die Zeit zu nehmen, die von Ihnen gewählte Marke individuell zu begutachten.“

Im zweiten Teil unserer Nachhaltigkeitsserie stellen wir Ihnen einige der Marken vor, die in der Schweizer Uhrenindustrie bereits eine Vorreiterrolle auf diesem Gebiet eingenommen haben.


Quellen:

www.worldwildlife.org

The Deloitte Swiss Watch Industry Study 2020. Deloitte, 2020. Accessed 5 July 2021.

Power Up Switzerland: Improving potential and enhancing competitiveness. Deloitte, 2020. Accessed 5 July 2021.

A Precious Transition: Demanding more transparency and responsibility in the watch and jewellery sector. Environmental rating and industry report 2018. WWF, 2018. Accessed 5 July 2021.