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NORQAIN Freedom 60 Chrono Steel Limited Edition

NORQAIN Freedom 60 Chrono Steel Limited Edition

Was die junge Schweizer Marke und ihren neuen Chrono so besonders machen

Vor knapp zwei Jahren sind mir zum ersten Mal beim Skifahren in der Schweiz die Uhren von NORQAIN aufgefallen – an Plakaten im Wintersport-Ort und an den Werbefenstern der Liftbetreiber. Da man aber als genauer Beobachter der Uhrenbranche streng genommen oft etwas zu engstirnig denkt und leider dazu neigt, rechts und links der gängigen – und traditionsreichen – Marken etwas zu wenig Spielraum für Unbekanntes zu lassen, sind auch bei mir die Zeitmesser recht schnell wieder in Vergessenheit geraten.

Zu Unrecht, wie ich nun erfahren konnte, als wir durch den Launch eines ziemlich coolen neuen limitierten Modells neugierig wurden und uns mit der jungen Marke aus Nidau (bei Biel) etwas genauer beschäftigen wollten. Beim Gespräch mit dem Gründer und CEO Ben Küffer entdeckten wir ein solides und aufstrebendes junges Unternehmen, das uns auch daran erinnerte, unsere Neugierde für neue Marken nicht durch zu viel einseitige Befangenheit zu geißeln.

Die Marke

Gerade einmal 32 Jahre jung und trotzdem hat Ben Küffer in seinem Leben schon einiges gesehen. Er war vor der Unternehmensgründung bereits elf Jahre lang bei Breitling, davor sogar Fußballprofi. Zu Breitling hat er schon seit seiner Kindheit aus familiären Gründen ein enges Verhältnis – sein Vater Marc Küffer ist ein langjähriger Freund von Théodore Schneider, dessen Vater Ernest Schneider wiederum fast 40 Jahre lang im Besitz von Breitling war.

Küffer erlebte zuletzt bei Breitling die Transformation eines Unternehmens, das lange Zeit von den Eigentümern unter der Familie Schneider geführt wurde und dann 2017 durch den Verkauf an die britische Private-Equity-Gesellschaft CVC einem umfangreichen strategischen Wandel unterzogen wurde. Er kündigte seinen Job bei Breitling zeitgleich mit dem Verkauf, erklärte sich aber bereit, noch bis Dezember unter dem neuen CEO Georges Kern die Marktübergabe in Asien durchzuführen. In dieser Phase wurde ihm auch bewusst, dass es in der Schweizer Uhrenindustrie immer weniger familiengeführte Unternehmen gab. Das ermutigte Küffer wiederum, seine Idee für eine eigene, unabhängige Marke zu verwirklichen.

Anfangs war es nicht vielmehr als eine Vision, die er schon bald mit zwei Freunden – und keinen Unbekannten – etablieren sollte. Denn Küffers langjährige Wegbegleiter Ted Schneider (Sohn des Ex-Breitling-Besitzers Théodore Schneider) und Mark Streit, eine Schweizer Eishockeylegende wurden von Küffer eingeweiht und waren sofort angetan. NORQAIN ist, insofern unser Eindruck nicht trügt, kein naives Start-up Konzept mit schnellen Wachstumszielen und maximaler Wertsteigerung für einen absehbaren Exit, sondern ein nachhaltiges und vor allem unabhängiges Unternehmen.

Wie das Schicksal manchmal mit einem spielt, beschleunigte ausgerechnet ein Kreuzbandriss dann die Gründung der Marke. Dazu muss man wissen, dass Küffer anfänglich sein Glück als Fußballer in der Schweizer Regionalliga suchte. Schon sein Großvater und Vater waren Schweizer Meister geworden – doch mit 18 Jahren zweifelte er, ob sein Talent auf dem Platz für eine Profikarriere ausreichen könnte und setzte den Fokus auf Uhren. Sein Vater Marc Küffer ist seinerzeit ebenfalls nach seiner Fußballkarriere ins Uhrenbusiness eingestiegen und hat inzwischen über 45 Jahre Erfahrung in der Herstellung von Schweizer Luxusuhren auf dem Buckel. Nun ist er Verwaltungspräsident von NORQAIN und greift seinem Sohn unter die Arme.

Ursprünglich hätte Küffer noch bis Dezember bei Breitling arbeiten sollen – doch der Kreuzbandriss zwang ihn aus dem operativen Geschäft auszusteigen, ermöglichte aber etwas mehr Zeit, den Aufbau der neuen Marke voranzutreiben. So konnte das Unternehmen bereits Anfang 2018 gegründet werden. 

Warum NORQAIN?

Ben Küffer und seinen beiden Partnern war es wichtig, ihre eigene Geschichte zu erzählen. Bei der Suche nach einem geeigneten Markennamen schrieben sie ihre Werte und Vorstellungen auf einem Blatt Papier zusammen. Aus jedem Buchstaben, der für einen bestimmten Wert steht, ergab sich irgendwann das Wort NORQAIN: Neues, Offenheit, Rebellisch, Quality Time, Abenteuer, Independence, Nische. Warum ausgerechnet in dieser Reihenfolge, wir wissen es nicht, aber der Name scheint zu halten, was er ausdrücken soll. Die im Logo nebeneinanderstehenden Buchstaben „N“ symbolisieren eine Bergspitze – inspiriert von den Schweizer Alpen.

Es gibt drei Kernkollektionen: Adventure, Freedom und Independence. Wobei Adventure die sportliche Kollektion verkörpert, wohingegen die Freedom Uhren einen Hauch Vintage mit sich bringen. Die Uhren der Independence sind, wie der Name es schon sagt, recht eigenständig in Design und Ästhetik und stets limitiert. Wir stellen uns immer die Frage was wäre, würde man der Marke das Logo entziehen. Was sind dann die Details, woran man eine Marke oder ein Modell erkennt? 

Bei NORQAIN gibt es dazu ein paar interessante Features, allen voran das auffällige „NORQAIN-Muster“, zu finden auf dem Zifferblatt aller Modelle der Adventure Linie. Es erinnert ein wenig an einen graphischen Rapport wie man es aus der Mode- oder Designbranche kennt und ist in dieser Form in der Uhrenbranche einzigartig. Die Edelstahl-Lünette besitzt einen hochwertigen Keramikring.

NORQAIN bietet dazu ein Edelstahlband, Kautschuk oder ein „Nordura“ Textilarmband. Den Adventure Chrono gibt es sogar mit einem Kevlar Armband, das schon fast ein wenig an die unzerstörbaren Toolwatches von Extrem-Bergsteigern erinnert. Im Band ist ein sogenannter RECCO Reflektor eingearbeitet, ein Chip, der im Notfall ein hilfebringendes Signal absenden kann.

Bei den Freedom Modelle fallen die sonderbaren Nähte auf dem Lederarmband auf, genannt „NORQAIN Stitches“ und sie sind – wie auch im Logo zu finden – Bergspitzen nachempfunden. Um den Vintage Charakter hervorzuheben, sind die Zifferblätter gewölbt und die Zeiger und Indizes mit einer Old Radium Superluminova Leuchtmasse versehen. Die Indizes sind darüber hinaus feinsäuberlich handappliziert.

Ein Feature, das sicherlich NORQAIN Uhren von anderen Marken und ihren Modellen unterscheidet ist die sogenannte „NORQAIN-Plate“. Eine kleine Plakette auf der linken Gehäuseflanke jeder Uhr, die sich durch eine Gravur personalisieren lässt. Sie wird je nach Modell etwas auffälliger oder reduzierter in das Gehäuse eingearbeitet. Eine Gravur ist Geschmacksache, aber die Plakette an sich ist ein optisch sehr gelungenes Gehäuse-Feature.

Es ist außerdem schön zu sehen, dass NORQAIN keine Abstriche bei der Qualität ihrer Uhren macht. Für die Materialien verwenden sie 316L Edelstahl, 18-karätiges Gold und Keramik. Die Datumsscheiben werden speziell je nach Modell und Ausführung für NORQAIN angefertigt. Darüber hinaus sind alle Modelle bis 100 Meter wasserdicht. Dafür sind die Preise sehr moderat, was nicht zuletzt auch auf ein durchdachtes Vertriebssystem zurückzuführen ist. Dazu später etwas mehr.

Was steckt in den Uhren?

NORQAIN greift bei seinen Uhren auf entweder ETA (7753, 2824) oder Sellita (SW 200-1) Werke zurück. Das sind robuste Werke, die in der Branche gängig sind. NORQAIN verzichtet bewusst auf Quarz Werke und ist somit eine der wenigen Schweizer Uhrenmarken, die ausschließlich mechanische Uhren anbietet. Die Werke werden von Hand zusammengebaut und mit einer personalisierten NORQAIN-Schwungmasse versehen.

Die Marke gab kürzlich erst die Zusammenarbeit mit dem Werkshersteller Kenissi bekannt. Kenissi wurde von der Rolex Schwestermarke TUDOR gegründet und ist somit für ihre besonders hochwertigen und leistungsstarken Uhrwerke bekannt. Für NORQAIN stellt Kenissi nun exklusiv zwei COSC-zertifizierte Manufakturkaliber her: das Drei-Zeiger-Kaliber NN20/1 und das GMT-Kaliber NN20/2 (kommt im September).

Das ist für eine so junge Marke schon beachtlich fortschrittlich, auch wenn die Werke natürlich nicht in einer eigenen Manufaktur von NORQAIN hergestellt werden, was bei so einer kleinen und jungen Marke auch gar nicht erwartet wird. Derzeit produziert NORQAIN um die 5.000 Uhren im Jahr. Küffers Ziel: 10.000 Stück. Die Preise der Manufaktur-Modelle sollen dabei bei zwischen 2.500 und 3.500 Euro liegen, was für Fans von deratigen Werksqualitäten eine sehr spannende Preislage sein wird. Dazu gibt es ganze fünf Jahre Garantie, was allerdings in der Branche inzwischen fast zu einem Standard geworden ist.

Die Neuheit – Freedom 60 Chrono Steel

Warum wir nun erst so richtig auf die Marke aufmerksam wurden, liegt an der neuen Freedom 60 Chrono Steel, die heute in einer limitierten Auflage von 200 Stück lanciert wird. Ihr Design und die Farbkombination von Anthrazit und den schwarzen Totalisatoren ist unglaublich gelungen. Mit 15 mm Höhe und trotz des erhabenen Boxtype-Saphirglas liegt die Uhr verdammt gut am Handgelenk. Wie es immer so ist, muss man die Uhr live sehen, um die Haptik, Design und den Tragekomfort am eigenen Handgelenk wirklich in vollen Zügen erleben zu können.

Man hat sich beim Design sicherlich ein wenig von den Sport Chronographen der 50er und 60er Jahre inspirieren lassen. Sie sind und waren immer zeitgemäß, erleben derzeit aber ein besonderes Revival und werden von viele Marken als ‚Heritage‘ Kollektionen oder ‚Re-Editions‘ neu aufgelegt. Bei NORQAIN bleibt man seiner Linie treu und verpasst auch dieser Neuheit ein paar eigenständige Features. Die kleine Plakette auf der linken Gehäuseseite zeigt die Gravur „Limited Edition ONE of 200“. Die Schwungmasse und Krone sind mit dem NORQAIN Schriftzug bzw. Logo versehen.

Die neue Freedom 60 Chrono Steel ist mit dem Kaliber NN18 (ETA 7753) ausgestattet und hat eine anständige Gangreserve von 48 Stunden. Mit Stahlband kostet sie 3.690 Euro und mit „Norlando“ Lederband 3.450 Euro.

Wo bekommt man die Uhren?

Das Ziel von Küffer war es von Anfang an, eine starke Partnerschaft mit einem stationären Händlernetzwerk aufzubauen. Auch E-Commerce war nicht mehr wegzudenken, allerdings unter der Voraussetzung, gemeinsame E-com Lösungen mit ihren Partnern zu finden, damit das eine nicht das andere verdrängt. Dass stationärer Handel und Online Hand in Hand gehen können, das zeigt NORQAIN damit, dass jeder Online Käufer einen stationären Retailer für Service-Rückfragen angeben muss. Der ausgewählte Händler bekommt dann 20% der Verkaufsmarge von NORQAIN ausgehändigt. „Für uns sind die Händler die Botschafter an der Front – sie teilen die Leidenschaft und langjährige Beziehung zu den Kunden“, sagt Küffer respektvoll.

In Deutschland sind die Uhren derzeit stationär bei Juwelier Wempe in der Weinstraße in München erhältlich. Allerdings auch über den e-Shop des Händlers bzw. NORQAIN’s eigenen Online Shop, worüber alle Modelle (übrigens auch für Damen) verfügbar sind. Ein interaktiver Konfigurator soll dem Kunden dabei helfen, seine gewünschte Kombination digital so gut es geht zu visualisieren.

Fazit

Abgesehen davon, dass Küffer ein grundsympathischer Typ ist, hat er in kürzester Zeit ein solides Uhrenunternehmen avanciert. Das geht sicherlich nicht ohne die nötige Erfahrung und das Grundverständnis für mechanische Uhren, sowie unternehmerisches Geschick. Man wird auch nicht Winzer, nur weil man gerne Wein trinkt. Mit elf Jahren Breitling im Lebenslauf hat Küffer sicherlich von den Besten der Branche gelernt und kann auf über vier Jahrzehnte Erfahrung seines Vaters zurückgreifen. Sein Partner Ted Schneider besitzt sicherlich die richtigen Kontakte in der Branche um den Vertrieb auszubauen und Mark Streit ist wohlmöglich für die zahlreichen Botschafter mitverantwortlich, die NORQAIN inzwischen für die Marke gewinnen konnte. Schneider und Streit sind Freunde und Teil der Familie, aber auch strategisch wichtige Partner.

Die Qualität und Verarbeitung der Uhren ist einwandfrei, insbesondere bei einer sehr attraktiven Einstiegspreislage. Das Design ist zeitgemäß und insofern gut durchdacht, als dass es kompatibel für den Geschmack der meisten Männer ist, sich aber dennoch durch ein paar distinktive Features abhebt. Die neue Freedom Chrono 60 Steel hat es mir wirklich angetan – die Uhr ist maskulin und nicht zu verspielt. Das Gehäuse ist angenehm flach verbaut und nicht zu klobig. Sie liegt somit mit 43-mm erstaunlich gut am Handgelenk und das leicht schimmernde, anthrazitfarbene Zifferblatt in Kontrast zu den schwarzen Totalisatoren sieht auch live sehr edel aus.

Ein starkes stationäres Händlernetzwerk wird für NORQAIN in Zukunft unverzichtbar sein, denn sie müssen es schaffen, die Uhren für den Kunden erlebbar zu machen. Der Online Konfigurator ist sicherlich ein schönes Tool, aber es wird einen neugierigen Kunden nicht zum Kauf überzeugen können, ohne dass er sein Wunschmodell wenigstens einmal ans Handgelenk schnallen konnte. Die Voraussetzungen für eine längerfristig-erfolgreiche und ernst zu nehmende Uhrenmarke sind erfüllt, jetzt müssen die Uhren unter die Leute gebracht werden.

Weitere Informationen auf der Seite von NORQAIN


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