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First Look: Oris Aquis Date Calibre 400

First Look: Oris Aquis Date Calibre 400

Nachdem Oris Mitte Oktober bereits ihr neues Manufakturwerk Calibre 400 vorgestellt hat, wird nun mit der Oris Aquis Date Calibre 400 die erste Uhr lanciert, in der das neue Werk tickt. Die Uhrmacher aus Hölstein haben sich hierbei für die Linie Aquis Date entschieden. Warum die Wahl ausgerechnet auf eine Taucheruhr viel und wie sie sich im Markt gegen die Konkurrenz in diesem Preissegment behaupten wird, zeigen wir in diesem Artikel, da wir uns in den letzten Wochen bereits eingängig mit der neuen Uhr beschäftigen konnten.

Wenn eine Uhrenmarke im Einstiegspreissegment ein Manufakturkaliber lanciert, also kein zugeliefertes Werk mehr von externen Dienstleistern für ein bestimmtes Modell bezieht, sondern die Kompetenz aus eigenen Ressourcen schöpft, ist das Aufsehen meistens besonders groß. Und so war auch dieses Mal wieder zu beobachten, wie interaktiv die Uhren Community auf das neue Oris Calibre 400 reagiert hat, als es am 15. Oktober lanciert wurde.

Noch spannender war die Diskussion darum, in welchem Preissegment sich Oris mit dem neuen Kaliber wohl bewegen wird, und überhaupt, in welcher Uhr es erstmals verbaut wird? Nun ist das Geheimnis gelüftet; es ist die Ikone moderner Taucheruhren – zumindest für eingefleischte Oris-Fans – mit dem passenden Namen Aquis. Und ganz nach dem Firmenmotto „bestmögliche Qualität bei optimalem Preis“ kostet die neue Oris Aquis Date Calibre 400 sogar unter 3000 Euro (mit Kautschukband). Aber Oris betritt mit dem Calibre 400 keineswegs Neuland, was die eigene Fertigung von Werken angeht.

Zurück zur Manufaktur

Bis ins Jahr 1981 hat die 1904 in Hölstein bei Basel gegründete Uhrenmarke rund 280 eigene Kaliber entwickelt. Darunter in den 1950er Jahren mit dem Kaliber 601 und 605 auch diverse Automatikwerke. Lediglich in der Quarzkrise unterlag man für ein Jahrzehnt dem Gruppenzwang und rüstete auf Quarz um. In diesem Zusammenhang gab man 1970 die Unabhängigkeit auf uns wurde Teil der Allgemeinen Schweizerischen Uhrenindustrie AG (ASUAG) – später Swatch Group.

Doch nach dem Management Buyout und einem Neustart 1982 trennte man sich von den billigen Quarzwerke aus Fernost und setzte in Punkto Werke auf externe Zulieferer wie ETA und später Sellita. Manufakturkaliber waren zu der Zeit undenkbar. Das war vielmehr einer strategischen Entscheidung, als mangelndem Vermögen geschuldet. Denn durch die günstigeren Quarzuhren herrschte natürlich ein enormer Preisdruck, der auch an Oris nicht spurlos vorbeiging.

Erst im Jahr 2014 wagte man sich wieder an in-house produzierte Manufakturwerke ran und lancierte zum 110ten Jubiläum das Modell 110 Years Limited Edition mit dem Calibre 110, das allerdings auf gerade einmal 110 Stück limitiert war. In den Folgejahren kamen fast jährlich neue Kaliber dazu, vom Calibre 111 bis 115, die eine Gangreserve von sagenhaften 10 Tagen (240 Stunden) aufwiesen – allerdings allesamt als Handaufzug.

Im Jahr 2015, also in dem Jahr, als das zweite Manufakturkaliber 111 nach 35-jähriger Pause lanciert wurde, tüftelte man bei Oris bereits am Comeback eines neuen Automatikwerks. Es war das Calibre 400, das nun nicht limitiert in der neuen Oris Aquis Date Calibre 400 tickt.

Oris Aquis Date Calibre 400 – die Details

Warum hat sich Oris nun für die Aquis als erstes Modell mit Calibre 400 entschieden? Viele hätten wohlmöglich die Big Crown erwartet – immerhin war sie 1938 die erste Armbanduhr von Oris. Vielleicht aber Aquis, weil keine andere Linie bei Oris weltweit so beliebt ist wie ihre Taucheruhr. Vermutlich aber auch, weil sie innerhalb des Portfolios bereits seit 55 Jahren am stärksten für eine Maxime steht, mit der Oris nun auch eine neue Ära einläuten möchte: Widerstandsfähigkeit und Zuverlässigkeit – und das zu einem überraschend attraktiven Preis (die Basismodelle der Linie starten bei 1750 Euro).

Mit einem mehrteiligen Gehäuse und einer verschraubten Krone ist die Aquis Date Calibre 400 bis 300 Meter wasserdicht. Oris spricht aber auf dem Zifferblatt von „pressure resistant“, statt „water resistant“, was nicht ganz uninteressant ist, da die Wassertiefe nicht immer gleich dem Druck entspricht.

Kurz zurück zur allgemeinen Aquis Linie: ihre Keramiklünette ist quasi kratzresistent und die veredelten Sellita Werke (SW 200) der Kernkollektion mit dem typischen roten Rotor gelten in der Branche als zuverlässige Arbeitstiere. Und trotz ihrer robusten Features schafft sie den Spagat, nicht nur eine zweckmäßige Toolwatch, sondern gleichermaßen auch alltagstauglich zu sein. Das subtile Facelift 2017 hat sicherlich dazu beigetragen: schlankere Bandanstöße, markantere Zeiger und Indexe sowie eine überarbeitete Krone und Kronenschutz.

Mit dem Kaliber Upgrade erfährt die neue Aquis Date Calibre 400 nun ein weiteres minimales Facelift. Auch wenn die Modelle der Kernkollektion in verschiedenen Gehäusegrößen erhältlich sind, hat man sich bei der neuen Aquis Date Calibre 400 für 43.5 mm Durchmesser entschieden. Auf dem Zifferblatt ist die Aufschrift „5 Days“ zu lesen. Sie steht für die 5 Tage Gangreserve, die das neue Modell seinem Träger bietet, wenn er nicht jeden Tag Lust auf ein und dasselbe Modell hat. Die Datumsanzeige bei 6 Uhr ist einen Hauch größer und schwarz unterlegt, statt wie sonst weiß.

Man hat sich außerdem für einen größeren Saphirglasboden entschieden, wodurch das neue Werk verstärkt zur Geltung kommt. Für den Tragekomfort ist sie mit dem neusten patentierten Quick Strap Change System ausgestattet, womit sich das Armband einfach durch Heben einer Lasche ganz ohne Werkzeug wechseln lässt. Angeboten wird die neue Aquis Date Calibre 400 entweder mit einem Stahlband (3000 Euro) oder einem schwarzen Kautschukband (2900 Euro). Beide Versionen sind ab November erhältlich.

Hochleistungs-Calibre 400

Vor fünf Jahren startete das Team rund um Beat Fischli, COO und Chefentwickler bei Oris mit der Konzeption des Calibre 400. Herausgekommen ist dabei ein Hochleistungskaliber mit 5 Tagen (120 Stunden) Gangreserve und 10 Jahren Garantie. Auch die Serviceintervalle sind bei 10 Jahren bemessen. Möglich machen die beachtliche Leistung ein Doppelfederhaus, ein stabileres Rotorsystem und über 30 antimagnetische Komponente im Werk.

In der Regel ist die Schwungmasse oder der Rotor in einem Kugellager gelagert und ziehen beidseitig auf. Da bei Automatikuhren häufig Probleme im Zusammenhang mit dem Kugellager und den Umkehrrädern (für den beidseitigen Aufzug) auftreten, ersetzten die Oris-Ingenieure es also durch ein leichtläufiges Gleitlager, bei dem eine Stahlachse durch eine geschmierte Manschette geführt ist. Das erzeugt weniger Reibung, somit weniger Verschleiß und verlängert die Lebensdauer. Durch den einseitigen Aufzug spart man die Umkehrräder.

Das Calibre 400 hat eine Ganggenauigkeit von +5/-3 Sekunden pro Tag, was die strenge COSC Norm sogar toppt. Hierbei spielen die über 30 nicht eisenhaltige und amagnetischen Komponente eine tragende Rolle. Hemmungsrad und Anker bestehen aus Silizium. Bei Tests im anerkannten Laboratoire Dubois wich das Calibre 400 nach einem Tag Dauerbelastung mit 2250 Gauss um weniger als 10 Sekunden pro Tag ab. Zur Veranschaulichung: um nach der jüngsten Version von ISO 764 als antimagnetisch zu gelten, darf der Gang einer Uhr nach Belastung mit gerade einmal 200 Gauss bis zu 30 Sekunden pro Tag abweichen.

Die gängigen Aquis Date Modelle mit Sellita Werken laufen mit einer Gangreserve von 38 Stunden. Danke eines Doppelfederhauses mit dünneren Federn aus Bioflex erreichen die Calibre 400 Werke eine Gangreserve von 120 Stunden (5 Tagen). Von Vorteil ist dabei, dass das Werk 85 Prozent der Energie durch die Aufzugsfeder gewinnt, statt wie üblich ‚nur‘ rund 70 Prozent. Zu guter Letzt bietet das Werk einen Unruhstopp zum sekundengenauen Stellen der Uhrzeit.

Konkurrenzfähiges Manufakturkaliber

Stellt man die Leistung und Qualität gegen den Preis, gibt es wenig auszusetzen und wir plädieren dafür, dass bei der neuen Oris Aquis Date Calibre 400 keine Debatte um die Preispolitik entfacht. Trotzdem lohnt es sich zu schauen, wo Oris mit ihrem neuen Werk in der Branche steht. Das Calibre 400 kann sich nämlich durchaus mit der Konkurrenz messen. Zum Beispiel mit Baume & Mercier’s Baumatic Kaliber BM12-1975A. Es besitzt ebenfalls 120 Stunden Gangreserve bei einer Frequenz von 28.800 A/h (4 Hz). Die lange Zugfeder ist hier aus Elinflex und eine Hochleistungshemmung ‚Powerscape‘ steuert rund 30 Prozent zur besseren Gangautonomie bei, die übrigens ebenfalls die COSC Norm erfüllt. Anker und Hemmungsrad bestehen auch hier aus Silizium. Die Clifton Baumatic, in der das Manufakturkaliber beläuft sich auf knapp unter 3000 Euro.

Oris wird mit ihrem neuen Calibre 400 eine gesunde Dosis Druck auf die Konkurrenz ausüben. Zum Beispiel sind TUDOR’s hauseigenen Automatikkaliber zwar tadellos, aber vom Leistungsumfang und Preis fallen sie gegenüber dem Calibre 400 sogar ein wenig ab. Eine Gangreserve von 70 Stunden ist zwar überdurchschnittlich, aber hier werden allmählich neue Standards gesetzt. Auch das junge Uhrenunternehmen NORQAIN, das seine neusten Manufakturwerke von TUDOR’s Tochterfirma Kenissi bezieht, kann mit der Preis-Leistungs-Politik der neuen Aquis Date Calibre 400 von Oris nur schwer mithalten. Nicht zu vergessen, dass Oris hierauf eine Garantie von 10 Jahren, mit einer Service-Empfehlung von ebenfalls 10 Jahren gibt und keine große Gruppe dahintersteht, sondern ein unabhängiges Uhrenunternehmen.

Der neue Maßstab?

Oris Ziel ist es sicherlich nicht, sich gänzlich unabhängig machen zu wollen – zumindest mittelfristig. Vielmehr geht es darum, der Firmengeschichte einen Tribut zu zollen. Sellita Werke werden vermutlich auch weiterhin das Einstiegspreislevel von Oris attraktiv halten. Die Aussage des CEOs Rolf Studer „Der neue Standard“ lässt aber suggerieren, dass das neue Calibre 400 vermehrt zum Einsatz kommen wird und auch für andere Funktionen als Basis Verwendung finden kann. Oris hat es in den vergangenen Jahren geschafft, aus ihrem lauschigen Kokon auszubrechen und die Uhrenwelt aufzumischen. Die Konkurrenz ist jetzt aufgefordert, genau hinzuschauen.


www.oris.ch