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Parmigiani Fleurier – vom Restaurateur zur Haute Horlogerie Manufaktur

Parmigiani Fleurier – vom Restaurateur zur Haute Horlogerie Manufaktur

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Die kleine Gemeinde Fleurier im Schweizer Kanton Neuchâtel war ab dem 18. Jahrhundert ein bedeutender Standort für die Uhrmacherei. Doch dann schlug in den 1970er Jahren die Quarzkrise ein und die Uhrenindustrie in Fleurier bröckelte gewaltig. Zu dieser Zeit stand ein junger Mann namens Michel Parmigiani vor der Entscheidung, Architekt oder Uhrmacher zu werden. Im Jahr 1950 in Couvet – unweit von Fleurier – geboren, entwickelte Michel Parmigiani schon früh eine Begeisterung für die Uhrmacherei und eine besondere Bewunderung für die verspielten Automaten aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Es führte letztendlich auch zu der Entscheidung, allen gegenteiligen Empfehlungen zu trotzen und Uhrmacher zu werden.

Auf den Spuren der bedeutendsten Uhrmacher

Getrieben von der Leidenschaft für die Restauration antiker Uhren und Automaten, eröffnete er in Couvet mit gerade einmal 25 Jahren seinen ersten Workshop namens ‚Mesure et Art du Temps’. Seine ersten Aufträge kamen aus dem Patek Philippe Museum in Genf sowie dem Uhrenmuseum ‚Château des Monts’ in Le Locle, wofür Parmigiani in monatelanger Handarbeit bedeutende Stücke restaurierte. Ephrem Jobin, der erste Kurator von ‚Château des Monts’ vertraute ihm dann die Instandhaltung der Maurice-Yves Sandoz Sammlung an. Somit lernte er Pierre Landolt, den Vorsitzenden der ‚Sandoz Family Foundation’ kennen, die im Besitz von wertvollen antiken Automaten und Uhren ist, wie einer wichtigen Taschenuhr von Perrin Frères oder dem berühmten Pfauen-Ei von Fabergé aus dem Jahr 1908. 

Für Parmigiani war es ein Ritterschlag. Er befand sich auf den Spuren all der bedeutenden Uhrmacher der Vergangenheit, die er so sehr bewunderte: Frères Rochat, Breguet, Pierre Jaquet-Droz, Francois Ducommun oder Perrin Frères. Es war eine große Ehre und Verantwortung zugleich, diese wertvollen Stücke in seiner Obhut zu wissen, die heutzutage teilweise bei Auktionen für mehrere Millionen Euro unter den Hammer kommen, oder behutsam geschützt in Museen oder bei der ‚Sandoz Family Foundation’ aufbewahrt werden. Im Jahr 1990 verbrachte er fast drei Monate ausschließlich mit der Restauration der „Pendule Sympathique“ von Breguet. Aber auch die Restauration sogenannter Automaten wie der „Singing Bird Pistol“ von Frères Rochat fallen in das Repertoire von Michel Parmigiani. 

Die Entstehung von Parmigiani Fleurier

Doch die Restauration von Uhren und Automaten erfüllte Michel Parmigiani nicht gänzlich. Denn mit den Jahren fehlte ihm die Kreativität etwas Neues zu schaffen. „Als Restaurator verbringt man viel Zeit damit, sich auf Spurensuche zu begeben, denn oftmals fehlen essentielle Informationen und man möchte das Stück nach den selben Methoden wiederherstellen, wie es einst gebaut wurde“, sagt Parmigiani. Er stellte zwar in seiner Freizeit noch Einzelstücke für Sammler und sogar Komplikationen für namhafte Uhrenmarken her, doch es war die Sandoz Familie, die ihm letztendlich zur eigenen Marke verhalf. Somit entstand 1996 Parmigiani Fleurier. Bei so einer vergleichsweise jungen Marke kommt die Frage auf, inwiefern die Uhren den hohen Ansprüchen in der Branche gerecht werden können. Immerhin haben die großen Maisons meist Zugang zu einem Jahrhunderte alten Wissensschatz. Daher ist es umso spannender, sich die Marke Parmigiani Fleurier und ihre Wirkungsstätte genauer anzusehen. 

In wenigen Jahren zur Haute Horlogerie Manufaktur

Durch die jahrelange Restauration hat Michel Parmigiani die nötige Erfahrung sammeln können, die heute in seinen eigenen Uhren weiterlebt. Aber das alleine reicht natürlich nicht aus, um den Anspruch von Haute Horlogerie Zeitmessern gerecht zu werden. Hier musste vertikal gedacht werden. Daher erwarb Parmigiani mit der Unterstützung von der ‚Sandoz Family Foundation’ eine Reihe an Herstellern, die alle notwendigen Komponenten liefern. Ein smarter Schritt, um möglichst schnell wettbewerbsfähig sein zu können.

Im Jahr 2000 erwarb Parmigiani Fleurier die Firma ‚Les Artisans Boitiers’ (dt. Die Gehäuse Kunsthandwerker) aus La Chaux-de-Fonds, die einen sehr guten Ruf als Hersteller von Uhrengehäusen genießt. Sie fertigen Einzelexemplare und Serien aus Edelstahl, Edelmetallen oder Titan, für Parmigiani, aber auch für andere Mitbewerber, die aufgrund ihrer Komplexität auf die Erfahrung von LAB zurückgreifen. Bei Parmigiani ist es zweifelsohne das extravagante Bugatti Gehäuse, das besonders komplex in der Herstellung ist.

Ein Mitarbeiter von Parmigiani hält einen 100.000 Euro teuren und massiven Block aus Platin in der Hand, aus dem im nächsten Moment akkurat und spielend Gehäuse-Komponente geschnitten werden. Man vertraut hier auf die Schweizer Präzision, denn auch der Großteil der Maschinen im Werk stammen aus der Schweiz. Apropos Präzision – in der Fabrik assistieren auch alte Schaublin Maschinen aus den 1940er und 1950er Jahren den Uhrmachern, die auch heute noch genauso zuverlässig arbeiten wie die hochmodernen CNC Maschinen, sogar manchmal in der Handhabung etwas einfacher sind, da sie nicht extra programmiert werden müssen. Dafür sind sie nicht auf große Stückzahlen ausgelegt. Der technische Fortschritt erleichtert heutzutage auch die langwierige Anfertigung der Prototypen. Früher dauerte es einen Monat, bis der Prototyp eines neuen Gehäuses erstellt war, und kostete um die 5.000,- Schweizer Franken. Heute übernimmt die Aufgabe ein 3-D Drucker – in zwei Stunden und für gerade einmal 300,- Schweizer Franken. Vielleicht werden sie auch irgendwann die CNC Maschinen ersetzen. 

2001 kamen die Firmen Atokalpa und Elwin (aus der Nähe von Bern) dazu – Atokalpa ist auf die Herstellung von Uhrwerksteilen wie Räder, Hemmungen und Spiralfedern spezialisiert und nur eine von drei Manufakturen weltweit, die in der Lage ist die Unruhspiralfedern herzustellen. Elwin ist auf die Herstellung von Federn, Hebeln und Wellen spezialisiert.

Im Jahr 2003 kam eine weitere wichtige Komponente dazu. Die ‚Vaucher Manufacture Fleurier’ wurde gegründet und stellt alle Werke für Parmigiani her. Sämtliche Einzelteile werden hier von Hand zusammengefügt, nachdem sie verziert und angliert wurden, so wie es die Haute Horlogerie vorsieht. Auch die Forschung und Entwicklung befindet sich in der ‚Vaucher Manufacture Fleurier’, sprich, alle neuen Kaliber werden hier entwickelt. 

Im Jahr 2005 komplettierte der Zifferblatthersteller Quadrance & Habillage das Portfolio der Manufaktur. Im eigenen Werk werden die Zifferblätter aus Messing oder Gold mit einer Spezialmaschine guillochiert, graviert und abschließend Anzeigen und dekorative Appliken angebracht. Die Zifferblätter bestehen in der Regel aus zwei bis drei Ebenen, was ihnen Volumen schenkt. Die Zähler werden separat geschnitten und in die Zifferblätter verankert. Die verschiedenen Farben und Verzierungen auf den Zifferblättern müssen in einzelnen Schritten auf die Oberfläche transferiert werden, und jedes Mal erst wieder im Ofen aushärten, bevor eine neue Ebene aufgetragen werden kann. Ein aufwändiger Prozess, der viel Geduld erfordert. 

Parmigiani stellt seine Uhren von A-Z zu 95% in Eigenregie her. Die einzigen Komponenten, die nicht eigenständig hergestellt werden sind die Lagersteine aus synthetischen Rubinen, Saphirgläser, die Federn aus dem Federhaus, und die Leder-Bänder. Sie werden seit 2006 exklusiv für Parmigiani aus dem Haus Hermès bezogen. 

Wie die Restauration zur Quelle der Inspiration wurde

Trotz der zahlreichen Standorte schlägt das Herz der Marke in Fleurier – dort findet man aber weniger eine klassische Manufaktur, sondern eher einen Workshop, oder ‚Pôle Horloger’ (dt. Uhrmacher Zentrum), wie es intern genannt wird. Hier entstehen die ersten Ideen zu den Uhren – hier wird ihnen letztendlich auch das Leben eingehaucht. Im ersten Stock befindet sich die Restauration, woraus immer noch einmalige Kreationen wie die Tabakdose ‚Tabatiere Rochat’ oder ‚Das Messer’ hervorgehen. Das Messer ist ein Unikat, das sich auch in keinem Museum befindet. 

Bevor die zahlreichen Komponenten der einzelnen Hersteller ineinandergreifen, entsteht eine Idee im Design Department in Fleurier. Michel Parmigiani ist die kreative Kraft – der Zugang zur Restauration bietet Inspiration für neue Modelle. So ist die Tonda Hémisphères von einer antiken Taschenuhr mit zwei Werken inspiriert, die auf nur einer Hauptplatine montiert sind und zwei Zeitzonen anzeigen. Bei der Tonda Hémisphères ist Parmigiani noch einen Schritt weitergegangen und erfasst dank eines ausgeklügelten Uhrwerks zwei unterschiedliche Zeitzonen auf die Minute genau, also auch, wenn nur eine halbe oder Viertelstunde Unterschied zur zweiten Zeitzone besteht. 

Ein weiteres Beispiel für die enge Synergie zwischen Restauration und moderner Interpretation ist die Toric Capitole Minute Repeater. Sie ist inspiriert von einer Taschenuhr von Perrin Frères aus dem frühen 19. Jahrhundert, die bereits von Parmigiani restauriert wurde. Das besondere an der Taschenuhr ist, dass die Uhrzeit in einem Halbmondfenster angezeigt wird. Die Stundenanzeige wandert über die auf das Zifferblatt gedruckten Minuten-Indizes. Sobald sie bei der vollen Stunde angekommen ist, springt die darauffolgende Stundenzahl hervor und läuft von vorne los. Parmigiani hat sich hier einiges vom Original abgeschaut und auf dieser Basis das Kaliber PF 321 entwickelt, das komplett in-house hergestellt wurde. Es verfügt über eine Minutenrepetition. Darüber hinaus ist die Toric Capitole Minute Repeater auffällig schön verziert, mit einem doppelt kannelierten Gehäuse und einem Zentrum aus Weißgold und Emaile. Das Zifferblatt besteht aus Perlmutt. 

Der goldene Schnitt und die Harmonie von Proportionen

Michel Parmigiani liebt das Prinzip des Goldenen Schnitts. Es ist diese harmonische Formel aus der Architektur, die Dinge in unseren Augen ästhetischer erscheinen lassen – warum? Das weiß kein Mensch so genau. Der Eifelturm ist ein prominentes Beispiel. Der untere Teil ist im Verhältnis 1:1.618 zum oberen Teil. Michel Parmigiani lässt sich von den Formen aus der Natur inspirieren – vom spiralförmigen Gehäuse einer Muschel zum Beispiel, oder von der Anordnung der Samen in einer Sonnenblume. Der Goldene Schnitt findet sich daher auch immer irgendwo in seinen Uhren wieder – in den Zeigern, im Gehäuse, in den typischen Tropfen-geformten Bandanstößen oder im Verhältnis von Zifferblatt zu Zählern. Sogar das ‚PF’ Emblem, das sich teilweise auf den Rotoren findet, ist nach der Formel des Goldenen Schnittes konstruiert.

Wenn Parmigiani nicht gerade an ausgewählten Stücken arbeitet, entwickelt er neue Uhrwerke für Vaucher. Fleurier hat endlich seine Uhrmacher zurück. Und allen voran Michel Parmigiani, der seinen Glauben an das mechanische Uhrmacherhandwerk nie verloren hat.

www.parmigiani.com