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Uhrenikonen: Daytona, Nautilus, Royal Oak – Der Preis der Sehnsucht

Uhrenikonen: Daytona, Nautilus, Royal Oak – Der Preis der Sehnsucht

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Die Wertentwicklung von Rolex Daytona, Patek Philippe Nautilus und Audemars Piguet Royal Oak ist seit einiger Zeit rasant. Ein Blick auf den Markt und die Fragen: Warum ist das so – und bleibt es dabei?

Wie wertvoll Zeit ist – das war schon lange vor den aktuellen Weltgesundheitssorgen kein Geheimnis. Doch dies ist ein Text der ohne das böse C-Wort auskommen soll. Im Vordergrund steht stattdessen die Belohnung für besondere Leistungen, die Erinnerung an herausragende Augenblicke, oder ganz generell die Freude an einem Handwerk, bei dem es schon lange um so viel mehr geht als einfach nur um die Anzeige der korrekten Uhrzeit – es gibt unzählige Gründe sich für die Feinstuhrmacherei zu begeistern. Manche sind sehr persönlich, andere werden von Sammlern als auch Einsteigern in schöner Regelmäßigkeit genannt.

Eher häufig ist dieser Tage in Uhrenblogs und -Foren auch die Meinung anzutreffen, dass es nun doch wahrlich wichtigeres gibt als die aktuelle Versorgungslage in den Boutiquen von Rolex, Patek Philippe und Audemars Piguet. Was natürlich einerseits völlig richtig ist, gegen diese Art der Moralkeulen-Argumentation kommt man generell schwerlich an, aber andererseits vielleicht ist das allgemeine Innehalten auch eine gute Gelegenheit sich in Ruhe über die besonderen Entwicklungen innerhalb einer Herzensindustrie Gedanken zu machen.

Auf der Suche nach den nicht zu erwerbenden Uhren

Zur Erinnerung: Die Münchner Abendzeitung schrieb erst Mitte Dezember: „Luxus-Uhren überall ausverkauft: Rolex-Krise in München!“ Und nicht nur dort. Auch in der Hamburger Rolex-Boutique am Neuen Wall blickte man bei einem Besuch zu einem guten Teil in leere Vitrinen, was laut den Mitarbeitern weder eine besonders perfide Marketing-Aktion war – um die eh schon hohe Begehrlichkeit zu erhöhen –  aber eben leider auch keine Folge von Umdekoration oder Inventur, sondern einfach: Die Marktlage. Über die Jahre sind Angebot und Nachfrage bei einigen Marken und einigen Kollektionen einfach aus dem Gleichgewicht geraten.

Da stand man dann in der Audemars-Piguet-Boutique in Dubai, fragte freundlich nach einer Royal Oak Double Balance Wheel Openworked (Ref. 15407ST, Listenpreis: 51.900 Euro, aktueller Graumarktpreis: jenseits der 80.000 Euro), und bekam als Gegenfrage ob man nicht erst einmal etwas anderes erwerben wolle, etwas „einfacheres“? Dieses „rankaufen“ an den eigentlichen Herzenswunsch finden die allermeisten Kunden nach wie vor ungewöhnlich. Wer will sich schon einen Fiat in die Garage stellen, wenn die Sehnsucht „Ferrari!“ ruft? Genau in dieser Gemengelage fällt der Blick dann ganz automatisch auf den Graumarkt. Im Sinne von: Lieber eine Preisprämie in Kauf nehmen, statt etwas zu erwerben, was die Seele nicht berührt.

Die Nachfrage: Sie wächst von Jahr zu Jahr

Sicher ist: Was da bei AP, Patek und Rolex entstanden ist, ist die Ausnahme von der Regel. Sie waren und sind in einer besonderen Situation, in der sich die Preise auf dem Zweitmarkt – zumindest bei Teilen der jeweiligen Kollektion – weit über den Verkaufsempfehlungen eingependelt haben. Zur Verdeutlichung: Bei Chrono24 haben sich allein innerhalb des letzten Jahres (Dezember 2018 bis Dezember 2019) die Suchanfragen extrem erhöht. Bei der GMT Master II, der als „Pepsi“ bekannten 126710BLRO waren es „nur“ 14,18 Prozent, bei der Daytona-Referenz 116500LN schon um 30,00 Prozent, bei der klassischen Stahl-Nautilus von Patek Philippe um 52,82 Prozent und bei der Audemars Piguet Royal Oak 15202ST gar um 56,08 Prozent.

Wie Instagram & Co. zum Hype beitragen

Nicht all diese Suchanfragen sind in einem Kauf geendet, aber sie zeigen: Einige wenige Uhren mit besonders ikonischen Designs und außergewöhnlicher Geschichte bekommen eine besonders hohe Aufmerksamkeit, wozu die Social-Media-Plattform Instagram in den vergangenen Jahren einen guten Teil beigetragen hat. Es sind eben diese Modelle die besonders viele „Likes“ generieren, es sind diese Modelle, die besonders viele Verehrer haben, und es sind genau diese Modelle, die dann auf dem Graumarkt zu Preisen gehandelt werden, die Uhren-Enthusiasten verstören, und bei denen etablierte Zweit-Händler wie Roman Sharf von „Luxury Bazaar“ Stein und Bein schwören, dass die Marge für ihn in diesem Segment gar nicht so attraktiv ist, eben weil inzwischen wirklich jeder Amateur beispielsweise über den Wert der stählernen Rolex-Sportmodelle ziemlich gut informiert ist, und diese somit nie „günstig“ zu bekommen sind.

Einfache Rechnung: Die Nautilus ist wirklich selten

Die Rechnung ist dabei relativ einfach: Bei Rolex, Audemars Piguet und Patek Philippe pflegt man seine Marken und seine Kollektionsikonen sorgsam. Man weiß um deren Wert, und lässt sich auch in Zeiten größter Nachfrage nicht dazu hinreißen den Verlockungen des kurzfristigen Profits nachzugeben. Im Falle von Patek Philippe beispielsweise steht Firmen-Chef Thierry Stern offen dazu, dass der Anteil der jährlichen Stahl-Uhrenproduktion nie einen gewissen Anteil übersteigen würde – angeblich sind es um die 20 Prozent der jährlichen Produktionsmenge von circa 65.000 Uhren. Was letztlich bedeutet: Rund 13.000 Stahlmodelle kommen jährlich auf den Markt, die wiederum auf rund 400 Konzessionäre verteilt werden.

Jeder Konzessionär bekommt also durchschnittlich nur 32,5 Stahl-Referenzen pro Jahr, wobei es sich hier eben nicht ausschließlich um die höchstbegehrte Nautilus 5711 (offizieller Verkaufspreis 27.550 Euro, Graumarktpreis selbst mit deutlichen Gebrauchsspuren weit jenseits der 50.000 Euro) oder Referenz 5712 (36.930 Euro vs. Preise um die 70.000 Euro) handelt, hinzu kommen die inzwischen ähnlich begehrten Stahl-Aquanauts, und vor allem: Die diversen, deutlich weniger populären Damen-Referenzen der 24-Kollektion. Man muss es so sagen: Edelstahl ist in der Patek-Welt rarer als Gold, und wenn dann wie im vergangenen Jahr eine weitere Stahl-Referenz wie die Calatrava 5212 mit Wochenanzeige lanciert wird, dann kennen die Zweitmarktpreise nur eine Richtung. Stellt der offizielle Patek-Händler 30.100 Euro in Rechnung, so finden sich bei Chrono24 aktuell diverse „Occasionen“ ab 42.000 Euro.

Mythos Rolex: Der Stand der Preis-Kurve

Nicht anders verhält es sich bei Rolex, mit dem Unterschied, dass die Jahresproduktion grundsätzlich deutlich höher ist, die ikonische Marke sich aber auch auf einem insgesamt weniger kostspieligen Preissegment bewegt. Im Vergleich zu den Grandes Complications von Patek Philippe, Vacheron Constantin, A. Lange & Söhne, Breguet oder auch Richard Mille bietet man bei Rolex Modelle mit einem inzwischen legendären Preis-Leistungswert, der nur noch vom Image-Gewinn für die Besitzer übertroffen wird. Unzählige Instagram-Accounts widmen sich deshalb inzwischen dem Phänomen Rolex-Graumarktpreise: Die klassische Stahl-Daytona 116500LN hat einen Listenpreis von 12.250 Euro, einen Zweitmarktwert von 22.500 Euro. Die Batman-GMT: 9.000 vs. 16.000 Euro. Die „Pepsi“: 9.000 vs. 17.000. Und was für die Stahl-Modelle gilt, das wirkt sich auch auf Goldmodelle aus: Die GMT-Master II in Weißgold mit Meteoriten-Blatt? Geht für 34.900 Euro aus der offiziellen Rolex-Boutique und für jenseits der 45.000 Euro vom Graumarkthändler zum Kunden.

Die Preise können dabei je nach Region etwas variieren, am Ende aber gilt: Bei diesen drei Marken und bei einigen konkreten Modellen hat jeder Kunde, der eine dieser Uhren zum Listenpreis erwirbt eine sehr gute Investition gemacht. Das sollte beim Kauf eines Luxusproduktes vielleicht nicht kaufentscheidend sein, gibt aber allemal ein gutes Gefühl. Obendrein wird dadurch die Begehrlichkeit dieser ikonischen Designs noch einmal größer, denn letztlich zeigt ein Träger einer solchen Uhr, dass er entweder über hervorragende Beziehungen zu seinem Konzessionär verfügt, oder aber das nötige Extraeinkommen hat um über Liste zu kaufen. Es sind die ultimativen Statusuhren: Modelle, die selbst der Uhrenuninteressierteste inzwischen kennt.

Die legendäre Warteliste: Wem werden die Statusuhren verkauft?

Für die offiziellen Händler hat sich aus dieser Gemengelage eine Herausforderung ergeben, über die keiner offiziell sprechen mag: Wem kann man bei diesen verführerischen Renditen noch eine Nautilus, eine Royal Oak oder eine Daytona verkaufen, ohne in Sorge zu sein, dass diese umgehend beim Grauhändler landen? Es gibt über die Vergabe-Richtlinien im Internet ungefähr ebenso viele Gedanken und Verschwörungstheorien wie Bilder der Uhren auf Instagram.

Letztlich kann man sich die wesentlichen Punkte mit gesundem Menschenverstand selber denken, und Händler von München bis Hong Kong bestätigen sie auch gern. Erstens: Für einen Neukunden ist es extrem schwierig bis unmöglich eine der begehrten Uhren zeitnah zu bekommen. Gern wird dann auf Wartelisten verwiesen, die geschlossen wurden. Zweitens: Diese eine, ultimative Warteliste gibt es im Regelfall nicht. Jeder Händler muss schauen wie er seine Kundschaft pflegt, und ein sehr guter Kunde bekommt eher eine Uhr als ein nicht ganz so guter Kunde. Sehr offen agierte in diesem Fall ein Konzessionär, der vor Jahren dem Kaufinteressenten für eine der limitierten Patek-Referenzen zum 175-jährigen Manufaktur-Jubiläum, erklärte, dass er da leider nur Kunden berücksichtigen könne, die bei ihm jährlich mindestens einen sechsstelligen Umsatz produzieren – und das war im Jahr 2014, als die Uhrenwelt noch deutlich weniger um rare Referenzen wetteiferte. Das klingt vielleicht erst einmal anmaßend, aber natürlich pflegt jeder Juwelier erst einmal seine Bestkunden.

Drittens aber gilt seit einiger Zeit: Lokale Kundschaft wird weltreisenden Touristen in Uhrenangelegenheiten vorgezogen. Warum dem Touristen vom anderen Ende der Welt einmal eine Uhr verkaufen, wenn man sie auch einem Kunden geben kann, der häufiger vorbeischaut? Es gilt schließlich neben den guten Bestandskunden auch neue gute Kontakte zu generieren. Vor allem aber und ganz unbedingt gilt der vierte Punkt: Ein Kunde bei dem sich der Konzessionär sicher sein kann, dass er die Uhr aus wahrer Passion kauft, und unter keinen Umständen weiterreicht, der kann auch heute noch Glück haben, während alle Spekulanten sich besser nicht erwischen lassen, denn längst schauen sowohl Hersteller als auch Konzessionäre ganz genau was wann und von wo auf dem Zweitmarkt auftaucht. In diesem Zusammenhang wäre dann beispielsweise die Geschichte vom Konzessionär zu erzählen, der fünf Jahre nach Verkauf eines berühmten Gerald-Genta-Designs von der produzierenden Manufaktur konfrontiert wurde: Das Modell sei auf dem Zweitmarkt aufgetaucht, und die Seriennummer zeige, dass die Uhr bei ihm verkauft wurde. Wie könne er sich dafür rechtfertigen?

Früher wäre es ziemlich normal gewesen, wenn ein Kunde nach fünf Jahren die Lust an einem Modell verliert oder sich die finanziellen Lebensumstände verändern und ein Verkauf nötig wird. Heute, in Zeiten der Graumarkt-Euphorie, gelten derlei Argumente aber nicht mehr. Da werden Uhren tatsächlich bitteschön für die nächste oder übernächste Generation erworben.

Wird das immer so bleiben?

Sicher ist, dass die Sekundärmarktpreise auch deshalb so hoch sind, weil die wenigen zu kaufenden Uhren eben nur in vergleichsweise kleiner Stückzahl auf den Graumarkt geraten. Und es ist sicherlich für jeden einzelnen Kunden in diesem Hype-Umfeld sinnvoll sich selber zu prüfen: Begehrt man tatsächlich diese eine ikonische Uhr? Muss es eine „Pepsi“ sein? Ist die Nautilus das ultimative Jahrhundert-Design? Oder hat man sich eventuell vom großen Instagram-Rausch auch ein wenig mitreißen lassen, und den Blick für all die anderen schönen Töchter aus anderen Häusern ablenken lassen?

Die großen Sorgen der Jetzt-Zeit, sie haben (bislang zumindest) noch keine deutlichen Auswirkungen auf die Preise von Royal Oak, Nautilus und GMT-Master. Wo Manufakturen und Boutiquen vorübergehend geschlossen werden wird das Angebot schließlich noch rarer, selbst wenn die aktuellen Börsenverluste die Konsumlust ganz generell sicherlich dämpfen dürfte. Was aber mittelfristig bleiben wird, das ist die Sehnsucht nach Schönheit und Zeit. Das war vor einem halben Jahr so, das ist jetzt so, und das wird auch in einem halben Jahr so gelten. Die Suche nach der eigenen Traumuhr aufzugeben ist darum etwas was kaum geschehen wird. Für jeden dem Zeitmesser auch nur ein bisschen bedeuten wäre das ja fast so, als sich selbst aufzugeben.


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