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Jaeger-LeCoultre – Atelier des Métiers Rares

Jaeger-LeCoultre – Atelier des Métiers Rares

Jaeger LeCoultre Complicated Watches

Antoine LeCoultre, der 1833 den Grundstein für die spätere Uhrenmanufaktur Jaeger-LeCoultre legte, war schon von Kindesbeinen an ein eifriger Tüftler. Sein Erfindergeist brachte – neben unzähligen anderen Patenten – im Jahre 1844 einen Millionometer hervor sowie 1847 den ersten Wippenaufzug. Mit dem Millionometer konnte man zum ersten Mal auf ein Mikrometer genau messen. Der Wippenaufzug ermöglichte es, die Uhr ohne einen separaten Schlüssel aufzuziehen und einzustellen. Sein kleines Atelier bekam schon bald den Spitznamen „La Grande Maison – das große Haus“.

Heutzutage tragen die Uhren bei Jaeger-LeCoultre Namen wie Master Grande Tradition Tourbillon Cylindrique oder Reverso TributeGyrotourbillon, die Resultate eines unfassbaren Wissensschatzes um die komplexesten Uhren der Welt herzustellen. 2016 eröffnete Jaeger-LeCoultre dann innerhalb der Manufaktur ein einmaliges Atelier, woraus wahre Kunstwerke entspringen.

Vallée de Joux – Ein hoch gelegenes Tal

Bereits im 16. Jahrhundert spielte die Familie LeCoultre im Vallée de Joux eine wichtige Rolle. Pierre LeCoultre erwarb hier – nachdem er vor dem Hugenottenkrieg in Frankreich geflüchtet war – sein erstes Stück Land, baute Häuser, bewirtschaftete die Felder und züchtete Vieh. Zehn Generationen später war für Antoine LeCoultre klar, dass sein 1833 gegründetes Atelier am Heimatsort seiner Familie und Vorfahren bleiben sollte. Die Herausforderung war allerdings, dass das Vallée de Joux ein 1000 Meter hoch gelegenes Tal ist, weit entfernt von Handelsrouten und umgegeben von Gebirgspässen, die im Winter manchmal unpassierbar waren. Dort herrscht bekanntlich das härteste Klima im Jurabogen. Aber das konnte ihn und seinen Sohn Elie nicht aufhalten.

1866 wurde das kleine Atelier zur ersten Manufaktur im Vallée de Joux. 1888 waren bereits 500 Uhrmacher, Techniker und Kunsthandwerker angestellt. Eine unfassbare Zahl für die damalige Zeit wenn man überlegt, wie groß ein Unternehmen mit 500 Angestellten selbst in der heutigen industrialisierten Welt ist.

Aus Lecoultre wird Jaeger-Lecoultre

1903 suchte der Pariser Marineuhrmacher Edmond Jaeger eine Schweizer Manufaktur, die seine extraflachen Uhrwerke produzieren könne. Jacques-David LeCoultre, der Enkel des Gründers, stellte in den 1890er Jahren bereits Ewige Kalender, Chronographen und Minutenrepetitionen her. Er nahm sich der Herausforderung an und somit entstand eine Kollektion aus ultraflachen Uhren. Darunter auch die flachste Uhr der Welt, mit dem 1,38 mm flachen LeCoultre Kaliber 145. Fortan arbeiteten die beiden Unternehmer unter dem Namen Jaeger-LeCoultre zusammen und wagten sich an die Entwicklung der ersten Armbanduhren.

In den letzten rund 185 Jahren entwickelte Jaeger-LeCoultre zirka 1200 verschiedene Uhrwerke und meldete über 400 Patente an. Meilensteine aus diesen Kreationen sind sicherlich die Duoplan, die Atmos und die Reverso. 1929 wurde das Kaliber 101 der Duoplan-Familie zum kleinsten mechanischen Werk der Welt. Der Trick: das Uhrwerk bestand aus zwei Ebenen, so konnte eine große Unruh und damit eine optimale Präzision gewährleistet werden. 1928 stellte der Erfinder Jean-Léon Reutter seinen ersten Prototypen der Tischuhr Atmos vor, aus der Jaeger-LeCoultre eine Haute-Horlogerie Tischuhr machte. Die Uhr fasziniert bis heute, da sie erstaunlich nah an das bislang unerreichte ‚Perpetuum Mobile’ Prinzip herankommt. Die Atmos bezieht ihre Energie aus kleinsten Temperaturveränderungen der Umgebung – eine Veränderung von einem Grad Celsius bedeutet eine Gangreserve für zwei Tage.

Auch die Reverso, die 1931 lanciert wurde genießt bis heute einen Kultstatus. Die Idee kam nach einer Geschäftsreise in Indien. Dort wünschten sich Polospieler eine Uhr, die sie während dem Spiel tragen konnten, ohne dass sie beschädigt wird. Daraus entstand die Wendeuhr Reverso, das lateinische Wort für „ich wende mich“.

Das ,Atelier des Métiers Rares’ – Auf der Suche nach den Wurzeln von Antoine Lecoultre

Auch heute noch existiert die Manufaktur von Jaeger-LeCoultre im kleinen Dorf Le Sentier im Vallée de Joux. Allerdings ist sie heute ein großes architektonisches Ensemble und Zentrum für Haute Horlogerie und zählt rund 1000 Angestellte. 2016 eröffnete Jaeger-LeCoultre dann innerhalb der Manufaktur ein eigenes Atelier namens ‚Atelier des Métiers Rares’, das sich ausschließlich den aufwendigen Techniken der Verzierung widmet: dem Emaillieren, dem Gravieren, dem Fassen und dem Guillochieren.

Wir staunten nicht schlecht, als wir kürzlich in die heiligen Hallen der Manufaktur eingeladen wurden und die rund 30 Kunsthandwerker bei ihren akribischen und hochkonzentrierten Arbeitsschritten bewundern konnten. Die einzelnen Werkstische sind lediglich durch eine Glasscheibe voneinander getrennt. Das bietet den verschiedenen Abteilungen die Möglichkeit, untereinander zu interagieren und jeden Arbeitsschritt zu verfolgen. Denn wurde ein Bauteil zum Beispiel zu stark angliert, bleibt nicht mehr genug Platz für die Gravur. Im Atelier befinden sich nun drei restaurierte Guillochiermaschinen und eine Pantograph-Graviermaschine aus dem frühen 20. Jahrhundert.

In der Mitte des Ateliers steht ein imposanter Holztisch. Ein gut versteckter Projektor, der durch Kameras mit den verschiedenen Arbeitstischen verbunden ist projiziert in Echtzeit einen der Arbeitsschritte um das Vierzigfache vergrößert auf die Tischplatte. Eine schöne Spielerei, besonders für Besucher, die das ‚Atelier des Métiers Rares’ meistens nur durch die Glasscheibe betrachten können. Denn was hier entsteht, bedarf reichlich Konzentration und absolute Ruhe – ein Windstoß zu viel könnte gravierende Auswirkungen haben.

Haute Horlogerie

Eines der ersten Kunstwerke, das aus dem neuen ‚Atelier des Métiers Rares’ entsprungen ist, ist die Reverso Tribute Gyrotourbillon 2. Sie wurde zeitgleich anlässlich des 85. Geburtstages der Reverso lanciert. Wie der Name es schon verrät, handelt es sich technisch um einen Gyrotourbillon 2 (es gibt inzwischen 4 verschiedene Ausführungen). Die Besonderheit des Gyrotourbillon ist, dass er nicht nur in einer Ebene, also 2-dimensional, sondern kugelförmig rotiert. Das Gyrotourbillon 2 besteht aus rund 100 Komponenten und verlangt den Uhrmachern eine ganze Woche für die Zusammensetzung ab. Für die komplette Uhr benötigt ein Uhrmacher rund einen Monat.

Das ganze Können aus dem ‚Atelier des Métiers Rares’ macht sich auf der Rückseite der Uhr bemerkbar. Das Uhrwerk ist vollkommen skelettiert und die Brücken von Hand verziert, was bei den winzigen Proportionen des Uhrwerks eine große Herausforderung darstellt. Die traditionelle Uhrmacherkunst zeigt sich auch auf der Vorderseite durch das runde Zifferblatt in gekörntem Weiß mit Dauphinezeigern aus gebläutem Edelstahl.

Der untere Teil der Vorderseite ist durch eine von Hand gefertigte Sonnenguillochierung veredelt, passend zur Veredelung der Trägerplatte, die sichtbar wird, wenn das Gehäuse gewendet wird. Dabei wurde geschickt eine kleine runde Fläche ausgespart, damit sich das Schauspiel des Gyrotourbillon durch die Spiegelung auch von hinten betrachten lässt.

Das Gyrotourbillon 3 (aus der Master Grande Tradition Gyrotourbillon 3 Jubilee) ist allerdings noch verblüffender. Man bekommt eine uneingeschränkte Sicht auf das Spektakel, da auf die obere Brücke verzichtet wurde – das Tourbillon scheint daher zu schweben. Nach der zylindrischen Spiralfeder, die noch beim Gyrotourbillon 2 verwendet wurde, haben die Uhrmacher hier eine sphärische Spiralfeder entwickelt, die über eine doppelte Endkurve verfügt und somit die chronometrische Leistung verbessert. Es ist schwer zu glauben, dass dieses Ensemble aus zirka 100 Bauteilen weniger als ein Gramm wiegt.

Selbstverständlich hat Jaeger-LeCoutre schon lange vor der Zeit des ‚Atelier des Métiers Rares’ die ganze Klaviatur der Haute Horlogerie beherrscht. Das Kaliber 383 der 2014 vorgestellten Duomètre Unique Travel Time zum Beispiel zeichnet sich durch eine besonders schöne Veredlung aus. Seine Brücken und Räderwerke sind von Hand angliert und verfügen über polierte Kehlungen. Auch alle Drehteile sind von Hand angliert oder mit polierten Kehlungen versehen, mit einem Wendelschliff verziert oder geschliffen. Auf der Rückseite sind die Namen der Städte für die 24 Zeitzonen eingraviert.

Mit der ebenfalls im Jahr 2014 präsentierten Master Grande Tradition Tourbillon Cylindrique à Quantième Perpétuel zeigt Jaeger-LeCoultre ein fliegendes Tourbillon mit einer neuartigen Zylinderspirale, die sich konzentrisch bewegt und dadurch für noch mehr Präzision sorgt. Der Tourbillon-Käfig ist aus Titan Grad 5 gefertigt und die Unruh besteht aus 14 Karat Gold. Neben dem fliegenden Tourbillon besitzt die Uhr noch einen Ewigen Kalender, der bis zum Jahr 2100 nicht gestellt werden muss. Die Schwungmasse aus 22 Karat Gold ist eine Nachbildung der Goldmedaille, mit der Jaeger-LeCoultre 1889 auf der Weltausstellung in Paris ausgezeichnet wurde. Das Zifferblatt ist gekörnt und versilbert.

2015 stellte Jaeger-LeCoutre dann in der Master Grande Tradition Grande Complication ein Tourbillon vor, das sich gegen den Uhrzeigersinn um das Zifferblatt herum dreht. Doch das Tourbillon ist nicht etwa für die Uhrzeit zuständig, sondern die Sternzeit, deren Bezugspunkt nicht die Sonne, sondern die weiter entfernt liegenden Fixsterne sind. Ein Sterntag ist die Dauer, die der Sternenhimmel für eine ganze Umdrehung der Erde benötigt. Ein Sterntag ist rund vier Minuten kürzer als ein Sonnentag. Über eine weiße Markierung lässt sich die Sternzeit ablesen. Das Zifferblatt zeigt analog das Abbild der Himmelskarte der nördlichen Hemisphäre mit dem großen Bären, dem Polarstern sowie den Gürtel der zwölf Sternbilder, die unseren Tierkreis bilden.

Die Komplexität des Universums trifft auf die Komplexität der Haute Horlogerie. Für die Minutenrepetition hat Jaeger-LeCoultre eigens eine Kristalltonfeder entwickelt, die für eine besonders schöne Klangfarbe sorgt.

Kaum eine andere Manufaktur ist in der Lage eine derartige Vielfalt an Haute Horlogerie in ihren Uhren zu bieten, und dabei neben dem technischen Aspekt das dekorative Handwerk so sehr in den Vordergrund stellt. Uns ist beim Besuch im ‚Atelier des Métiers Rares’ aufgefallen, dass die Uhrmachermeister und Kunsthandwerker sehr eng und transparent mit ihren Auszubildenden zusammenarbeiten. Das ‚Atelier des Métiers Rares’ hat auch zum Ziel, die Weitergabe des Wissens sicherzustellen, damit für die nächsten Generationen vorgesorgt ist.

www.jaeger-lecoultre.com





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