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Piaget – Besuch bei einer Manufaktur, Verzeihung, einer Maison
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Piaget – Besuch bei einer Manufaktur, Verzeihung, einer Maison

Auch wenn es ein extremes Privileg ist, so ziemlich jede Schweizer Uhrenmanufaktur von innen gesehen zu haben, stellt sich irgendwann automatisch ein ziemlich präzises Bild im eigenen Kopf ein, was man wohl beim nächsten Besuch eines weiteren Herstellers mechanischer Uhren zu erwarten habe.

Was mich am meisten an einer Reise zur Manufaktur von Piaget nach Genf gereizt hat, war mein total fragmentiertes Bild der Marke, von der ich – und ich nehme an, vielen Lesern geht es ähnlich – im Wesentlichen ein paar Schlagworte kannte: Als „Master of Ultrathin“ kann Piaget einige Uhrenweltrekorde verzeichnen, es gibt aber zugleich neben diesen sogenannten Altiplano-Modellen (benannt nach einer wüstenartigen Hochebene in Peru) ebenso aufwendige und verrückte Schmuckuhren und dann noch eine Reihe von berühmten Persönlichkeiten, die alle irgendwie mit Piaget verbunden waren: Andy Warhol, Salvador Dali, Jackie Kennedy, Elisabeth Taylor oder Sophia Loren, um nur einige zu nennen. Sogar eine Rose ist nach dieser Firma benannt, die Yves Piaget-Rose. Wie passen Jahrhundertkünstler, Präsidentengattinnen, Hollywood-Legenden und Botaniker zusammen und ergeben ein ganzes Bild? Wen diese Frage genauso neugierig macht, sei herzlich willkommen bei dieser etwas anderen Manufakturstory von Swisswatches.


Uhrenherstellung ist Industrie


Sicher ist, dass die meisten echten Uhrenhersteller so gut wie nichts mit den Marketinghochglanzbroschüren zu tun haben, die man von Firmen mit großem Namen in einer Uhrenboutique erhält. Denn Uhrenproduktion ist am Ende eine Industrie und es ist oftmals das Bild von Maschinenhallen und der Geruch von Schmieröl, der einem nachhaltig im Kopf herumwabert, wenn man diese Gebäude wieder verlässt. Und auch dabei reibt man sich nicht selten verwundert die Augen, weil man nicht in einem Industriegebiet, sondern vor einem Berg oder einem romantischen Wäldchen steht, mit einer Wiese davor, auf der Kühe oder wie in diesem Fall Schafe grasen.

Ein Uhrenmaison der Extraklasse

Soweit die Bilder im Kopf. Und ich hatte bei Piaget mit all dem gerechnet – wie sich herausstellt, kommen in dieser Geschichte sowohl Industriemaschinen wie auch Wiesen vor – aber mit einem definitiv nicht: Einer eigenen Goldschmelze. Diese ist zwar nur für Recyclingzwecke, aber dafür umso beeindruckender! Denn sie sagt viel über eine Uhrenmanufaktur aus, die in der Tat viel mehr ist als ein reiner Uhrenhersteller: Eine Schmuck- und Uhren-Maison der Extraklasse und in vielen Details historisch wie gegenwärtig ein Pionier der modernen Uhrmacherei.

Live dabei wenn acht Kilo Gold gegossen werden

Wer hat schon mal live gesehen, wie ein acht Kilo-Barren Gold gegossen wird? Ich jedenfalls nicht und es hat mich nachhaltig beeindruckt, vor allem wenn man begreift: Das ist Abfall. Ja, richtig gelesen. Einmal pro Woche kommt der Gold-Gießer bei Piaget im Genfer Luxus-Industrieviertel Plan-Les-Ouates vorbei und schmilzt aus Gold-Abfällen zirka acht Kilo Edelmetall im Wert von rund 429.459 Euro (Stand 08.11.2022) zu einem einzigen Barren, den man, wenn es die Security zulässt, schon wenige Minuten nach dem Einschmelzen bedächtig in Händen wiegt. Diese Menge fällt in dieser Manufaktur als Staub, Späne oder Goldwolle an – wohlgemerkt – pro Woche. In einem Jahr werden also mindestens 400 Kilo Goldabfälle im Wert von über 22 Millionen Euro recycelt. Mindestens? Es können auch schon mal 20 Kilo pro Woche sein, wie man mir versichert. Hier wundert sich niemand darüber. Vielleicht liegt es daran, dass nur in Steinwurfweite große Manufakturen wie Patek Phillipe oder Rolex ihren Stammsitz haben?

90 Prozent Recycling-Gold

Mir ist übrigens nur eine Manufaktur bekannt, die ihr eigenes Gold herstellt, und das ist Rolex. Alle anderen, auch wenn sie exklusive Legierungen mit geschützten Namen verkaufen und verarbeiten, lassen diese von Zulieferern in die gewünschte Form gießen und erhalten sie als lange, runde oder eckige Stangen als sogenannte stranggepresste Ware. So auch Piaget, denn das Recyclinggold wird zum Hersteller zurückgeschickt, um dann im Austausch Neuware zu erhalten. Neuware ist relativ: Wie mir CEO Benjamin Comar wenig später erzählen wird, ist Piaget nicht nur ein Recyclingweltmeister was Abfälle angeht, sondern auch was Neuware angeht: „Wir verwenden bereits heute zu über 90 Prozent recyceltes Gold in all unseren Produkten.“ Eine starke Ansage für eine Industrie, die gerne verschweigt, wie ressourcenfressend die Produktion von Gold aus Minen ist.

Rein äußerlich kann man einen solchen Goldstab, wie er mir kurze Zeit später stolz präsentiert wird, auch kaum von ähnlich geformten Teilen aus Messing oder Alu aus dem Baumarkt unterscheiden, aber neben dem kaum vorstellbaren Gewicht eines solchen Stabes ist es noch viel unvorstellbarer, dass es genau dieses Material ist, dass die Menschheit seit jeher völlig verrückt macht und das Piaget beherrscht zu verarbeiten, wie kaum eine zweite Manufaktur auf der Welt.

Ein Name und seine Herkunft

Gold oder besser Geld und sogar Münzen sind ein gutes Stichwort für diese Manufaktur, deren Name schon mit dem Eintreiben von Geld zusammenhängt. Denn der Familienname Piaget, der im 16. Jahrhundert im Schweizer Jura auftaucht, geht auf das französische Verb peager, also das Eintreiben von Mautgebühren zurück.

Im 17. Jahrhundert ließen sich die Vorfahren der Familie im kleinen, auf rund 1000 Metern hoch gelegenen Bauerndörfchen La Côte-aux-Fées nieder, wenige Kilometer entfernt von der französischen Grenze und zirka eineinhalb Autostunden vom zweiten Produktionsstandort und heutigen Firmensitz in Genf. Der Ortsname bedeutet so viel wie an den „Hängen grasende Schafe.“ Und hätte nicht im Jahr 1874 der 19-jährige Georges-Édouard Piaget sein erstes Geschäft genau hier im grünen Nirgendwo gegründet, die Welt würde noch nicht mal das Stadtwappen kennen, das einen – Nomen est Omen – buschiger Schafskopf ziert.


Always do better than necessary


Wer dieser Mann war, der mit einer Vision antrat, die aus einem Marketinglehrbuch von heute stammen könnte, kann niemand besseres beurteilen als Jean-Bernard Forot, der nicht nur 15 Jahre das Marketing- und Designdepartment von Piaget leitete, sondern seit 2021 als Head of Patrimony die Geschichte dieser Marke betreut und in dieser Funktion kennt wie kein zweiter. Forot beeindrucken bis heute der unternehmerische Mut und die Weitsicht des jungen Firmengründers. Zur Einordnung: Die Ursprünge von Piaget liegen in Zeiten der industriellen Revolution in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es waren ausgerechnet die billigen, vorindustriell produzierten Uhren aus den Vereinigten Staaten, die die Schweizer Uhrenproduktion, die überwiegend auf Handarbeit basierte, in eine erste große Krise stürzten. Zu viele Uhrmacher, zu hohe Preise und abflauende Nachfrage führten zu einem harten Verdrängungskampf.

Jean-Bernard Forot
Head of Patrimony, Piaget

„Der Gründer von Piaget setzte auf Qualität statt Volumen und investierte sein ganzes Kapital und Talent in die Herstellung von High-End-Komponenten für mechanische Armbanduhren. Seine Leidenschaft galt dabei der Schlankheit von Bauteilen.“ Dessen Motto treibt bis heute jeden der rund 390 Mitarbeiter in Genf und La Côte-aux-Fées an: „Always do better than necessary“.

Herr Piaget würde sich verwundert die Augen reiben, wenn er sähe, was aus seiner Vision von einst geworden ist: Gegenüber der Straße, wo das Gründungshaus der Familie bis heute steht (allerdings von einer anderen Familie bewohnt wird), werden in der Manufaktur nicht nur die Creme de la Creme mechanischer Uhren wie ultraflache Minutenrepetitionen und Tourbillons entwickelt und gebaut, sondern hier wurden 148 Jahren Uhrengeschichte geschrieben: Angefangen von berühmten Kaliber wie dem 9P, das 1957 als dünnstes Handaufzugskaliber mit 2 Millimetern Werksdicke Geschichte schrieb bis hin zum knapp sechs Jahre lang entwickelten Uhrwerk der Altiplano Ultimate Concept von 2018, einer Weltrekord-Automatikuhr, die 2017 als Prototyp vorgestellt wurde und die insgesamt so dünn ist wie allein das Werk ihres berühmten Vorgängers, der sechzig Jahre zuvor präsentiert worden war.


Brücke in die Zukunft


Betritt man heute die über 12.000 Quadratmeter großen Fertigungshallen des Hauptquartiers in Genf über eine große freischwebende Eingangsbrücke, fühlt man sich eher als beträte man ein riesiges Raumschiff. Diese Brücke ist sinnbildlich zu verstehen: Aus der Vogelperspektive erinnert der Bau mit seiner kreisrunden Umfassungsstraße, den der damalige CEO Leopold Metzger 2001 einweihte, an eine gigantische Uhr. Ich tauche ein in deren Uhrwerk und werde von CEO Benjamin Comar, der zuvor bei Chanel 12 Jahre lang die Schmuck- und Uhrensparte von einem schlichten Etablisseur zu einer Manufaktur führte, begrüßt wie von einem guten Freund.

Genf ist der Kopf seines Unternehmens: Hier befinden sich nicht nur alle unterstützenden Business-Abteilungen wie Sales, Vertrieb und Marketing, sondern ebenfalls die Produktion der Goldgehäuse und Armbänder, das Schmuckatelier sowie die Design- und Entwicklungsteams. Das Herz schlägt in diesem Falle oberhalb des Kopfes: Hoch oben im Schweizer Jura, in La Côte-aux-Fées werden die Uhrwerke zum Leben erweckt. Er klärt mich darüber auf, wie aus dem ehemaligen Zulieferer und Teilehersteller eine vollwertige Uhrenmanufaktur und mindestens ebenso bedeutender Schmuckhersteller wurde: „Im Gegensatz zu vielen Juwelieren, die irgendwann auch mechanischen Uhren bauen wollten, war es bei Piaget genau umgekehrt: Bis in die vierziger Jahre des letzten Jahrhunderts machte Piaget überwiegend mechanische Uhren, erst später, aufgrund ultraflacher und großer Zifferblätter, kamen Schmuckuhren und sogar Schmuck hinzu.“

Vom kleinsten Detail zum großen Ganzen

Piaget genoss viele Jahrzehnte den Ruf als Zulieferer feinster Bauteile – vor allem Anker-Hemmungen – für mechanische Uhren. Die Familie blieb dabei so bescheiden wie diskret und signierte nicht mal die eigenen Uhren, die man ebenfalls begann herzustellen. Parallel belieferte man alle großen Namen jener Zeit, angefangen von Breguet über Rolex, Cartier, Audemars Piguet, Zenith, Vulcain und Longines bis hin zu Ulysse Nardin, Vacheron Constantin und Omega, um nur einige zu nennen: Denn die gesamte Branche liebte die nur rund 2,4 Millimeter dünnen Kaliber von den Frauen und Männern aus dem Dorf mit den vielen Schafen.


Besser spät als nie: Piaget wird zur Marke


Die Bescheidenheit dieser Familie zeigt sich auch in der Marke selbst, die spät entwickelt wurde: 1926 verkaufte man erste Taschenuhren unter dem eigenen Namen, aber erst 1943 wurde Piaget als Handelsmarke registriert.

Wie gut man wirklich war, bewiesen in den vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts die sogenannten Coin-Watches: Piaget war schon damals in der Lage – was bis heute sensationell ist, wenn man die technischen Mittel der Zeit bedenkt – ein komplettes Uhrwerk in einer normalen Goldmünze unterzubringen und daraus eine Uhr zu fertigen. Das enorme Potential ultradünner Uhren deutete sich früh an.

Mitten im 2. Weltkrieg, zwischen 1937 und 1945, wurde das erste Manufakturgebäude in La Côte-aux-Fées errichtet, wo bis heute komplizierte Uhrwerke entwickelt und zusammengebaut werden und sich die Restaurierungsabteilung befindet. Diese Manufaktur beherbergte schon Ende des zweiten Weltkriegs mehr als 200 Mitarbeiter, mitten in einem winzigen Dorf im Schweizer Jura. In der Gegend nannte man den Firmensitz schlicht nur „Die Fabrik“. Den ersten Stand auf der Baselworld, damals die wichtigste Uhrenmesse der Welt, leistete man sich 1946.


Und was beherrscht Piaget heute technisch?


CEO Comar führt mich durch die lichtdurchfluteten Hallen, die sich über mehrere Stockwerke erstrecken. In der größten stehen zahlreiche CNC-Maschinen, an denen seine MitarbeiterInnen die Goldgehäuse, Platinen, Brücken und Armbandglieder herstellen: „Wir haben intern das Knowhow, alle Teile einer Uhr selbst herzustellen, auch wenn wir nicht alle selbst herstellen wollen. Aber das Wissen zu haben, ist entscheidend.“ Und dieses Knowhow ist gewaltig: Komplette Uhrwerke, Gehäuse, Armbänder, Schmuck und High Jewellery-Stücke, werden bei Piaget selbst gefertigt. Denn man ist zusätzlich ein vollwertiger Schmuckhersteller: Diamantenbeschaffung, Schleifen und Verarbeitung zählen ebenso dazu wie hochspezialisierte Steinsetzer, die in der Lage sind, sogar Werksbrücken mit Edelsteinen zu belegen. Rund 40 verschiedene, teils jahrhundertealte Handwerksberufe vom Graveur über den Steinsetzer bis zum Polisseur werden hier ausgeübt.

Filigrane Uhrwerke

Betrachtet man die modernen Piaget-Uhren wie die Gala oder die ultradünnen Altiplano Modelle, geht es dem CEO dabei ganz besonders um die Verbindung der beiden Fähigkeiten, extrem filigrane Uhrwerke und hochwertigen Schmuck zu produzieren. Comar: „Die Kunst besteht darin, das Savoir Faire für einzelne Bereiche immer mehr zu verschmelzen, wir pflegen eine sehr integrierte Art des Arbeitens.“ Soviel ich bisher gesehen habe: Gepaart mit dem unglaublichen Uhrwerks-Wissen von Piaget ist das selten für eine Industrie, die in der Regel nur Schmuck oder nur Uhren herstellt.

Noch deutlicher wird Remi Jomard, Research & Development Direktor, der sich zu uns gesellt: „Um wirklich behaupten zu können, man sei eine Manufaktur, muss man Uhren wirklich vom Rohmaterial bis zum fertigen Produkt herstellen können und genau das machen wir hier. Lediglich die ultraflachen und komplizierten Uhrwerke bauen wir immer noch an unserem alten Firmensitz in La Côte-aux-Fées zusammen. An unseren Fräsmaschinen in Genf arbeiten wir vom Gold-Rohling bis zum fertigen Gehäuse, bauen Brücken und Einzelteile, neben unserer Abteilung für High Jewellery.“ Dazu hat man ein sehr genaues Knowledge in der Herstellung von Metallarmbändern, insbesondere aus Gold entwickelt.

Nur eigene Uhrwerke

Das Beste für Sammler ist: Schaut man sich die Entwicklung dieser Uhrwerke an, stellt man fest: Piaget hat immer eigene Uhrwerke und Komplikationen entwickelt, vor allem die beiden wichtigsten, das Tourbillon (beginnend mit dem nur 3,5 Millimeter dünnen Formwerk vom Kaliber 600P im Jahr 2003) und der 2013 folgenden Minutenrepetition (das 4,8 Millimeter dünne Kaliber 1290P), die zum Zeitpunkt ihrer Erfindung die flachsten am Markt waren und auch heute noch zu den flachsten überhaupt gehören. Selbst bei Quarzwerken zählte man zu den Pionieren am Markt, aber dazu später mehr.

Die wichtigsten Uhrwerke

Schaut man sich den Stammbaum der heute für Piaget relevanten Uhrwerke an, stehen ganz zu Beginn das eingangs erwähnte Handaufzugskaliber 9P von 1957, mit den damals einmaligen 2 Millimetern Werksdicke neben dem Stammbaum von dünnen Automatikwerken, deren Anfänge auf das Kaliber 12P, ebenfalls ein Weltrekord, auf das Jahr 1960 zurückgehen. Beide Kaliber fanden mit der Übernahme von Piaget durch die Richemont-Gruppe im Jahr 1988 ihre Nachfahren in verbesserten Werken: Das 2,1 Millimeter dünne Basiskaliber 430P mit Handaufzug wurde 1998 eingeführt, im selben Jahr, in dem auch das Kaliber 500P mit Zentralrotor erscheint.

Piaget Calibre 9P & 12P1

Piaget Calibre 430P and 500P

Wichtigster Meilenstein seit den 2000er Jahren dürfte das zum 50. Jubiläum des Kalibers 12P eingeführte Modell 1200P aus dem Jahr 2010 sein, das die Altiplano-Uhren bis heute antreibt und bei seiner Vorstellung einen weiteren Weltrekord in der Firmengeschichte darstellte. Mein ehemaliger Lehrmeister, der Uhrenexperte Gisbert L. Brunner, beschreibt das bahnbrechende Werk wie kein zweiter (uhrenkosmos.com/piaget-kaliber-12p-innovativ-und-ultraflach). Seit 1997 wurden 13 Handaufzugswerke und 14 Automatikkaliber entwickelt, darunter allein sechs skelettierte Modelle, vier Tourbillons, ein Flyback-Chronograph und ein ewiger Kalender. Und wäre das nicht schon genug, blickt man alleine bei den insgesamt 21 selbstentwickelten Ultrathin-Uhrwerken auf 10 Weltrekorde zurück, der jüngste darunter 2018 die Altiplano Ultimate Concept (eingestellt mittlerweile durch Bulgari und Richard Mille).

Was wird inhouse selbst gemacht?

Piaget stellt dabei von den Platinen über die Brücken bis hin zum Hemmungssystem verschiedene Komponenten der Uhrwerke selbst her. Dazu kommt in Genf die Fertigung der Goldgehäuse und Edelmetall-Armbänder, teils mit historischen Dekoren sowie die Herstellung von einigen Zifferblättern und sogar Schrauben. Interessant ist die Sichtweise des Research & Innovation Direktors Jomard auf die Entwicklung der daraus resultierenden, ultradünnen Uhren: „Wir betrachten es als unsere ganz eigene Form der Komplikation, ultraflache Uhren herzustellen. Auch wenn wir alle klassischen Komplikationen in Ehren halten, glauben wir, dass die Verschlankung solche Uhrwerke schon eine eigene Kunst für sich ist, weil wir dabei nicht selten die Grenzen der Physik ausloten.“

Das entscheidende Jahrzehnt

Grenzen ausloten ist das richtige Stichwort: Als nach dem Krieg die zweite Generation das Unternehmen auf die dritte übertrug, treten zwei Personen besonders hervor: Valentin Piaget, der sowohl über die Fähigkeiten eines Ingenieurs verfügte, aber auch über die visionäre Kraft eines Kunsthandwerkers und seinen Bruder Gerald, dessen Stärken in Handel und Finanzen lagen. Diese Kombination wird entscheidend sein, um Piaget innerhalb nur eines Jahrzehnts in den Olymp der Uhrmacherei aufsteigen zu lassen. Wichtigster Ausdruck dieses Aufstiegs war die Vorstellung des ersten ultradünnen Uhrwerks für Armbanduhren, des Kaliber 9P im Jahr 1957.

Für das Design von Uhren ergeben sich damit plötzlich neue Möglichkeiten: Breite, aber extrem flache Uhrwerke erlauben einen viel kreativeren Umgang mit den Zifferblättern und den Gehäusen. Und wenn das Zifferblatt größer wird, kann auch das Armband breiter werden, was die Piagets als Spielwiese für weitere Kreationen erkannten. Ein ständiger Entdeckungsprozess, den man anhand der historischen Uhren sehr gut erkennen kann.

Zwei Uhrwerke nur für Piaget

Heritage-Leiter Forot erinnert sich: „Piaget belieferte die ganze Industrie mit Uhrwerken, aber entschied sich Ende der fünfziger Jahre dazu, mit den Kalibern 9P und 12P nur eigene Uhren auszustatten und noch dazu, ausschließlich Gold- und Platinuhren herzustellen. Damit stand auch die Positionierung der Marke fest: Piaget hatte sich abermals gegen Mainstream und für Luxus entschieden.

Von den Fünfziger bis Siebziger Jahren explodierte die Zahl der Modelle. Und Piaget integrierte weitere Handwerkskünste in alle Elemente dieser Uhren: Aufwendige Goldgravuren, Diamantlünetten und ornamentale Steine für die Zifferblätter. Man schuf etwas, dass es bis dato so nicht gab. Denn damals waren die meisten Damenuhren schlicht und dick und hatten sehr kleine Durchmesser. Piaget bot gut ablesbare Damenuhren an, die zugleich viel eleganter waren. Dazu bestanden sie aus aufwendig gearbeiteten Goldgehäusen und bald kamen auch Diamanten und Farbsteine hinzu. Die Aufmerksamkeit der Eliten war geweckt.

Neue Eliten

Diese Eliten der Nachkriegszeit unterschieden sich vor allem vom Adel und Königshäusern wie in den Jahrzehnten zuvor: Für den aufkommende Jetset war der Stil von Piaget vor allem deshalb so attraktiv, weil er sich fundamental von dem der vorangegangenen Generation unterschied. Die Reichen wollten neuen Luxus und nicht mehr den alten des Hochadels.

Dabei spielte es keine Rolle, dass die Uhren nicht primär funktional waren, denn die Verlässlichkeit von Piaget war allen bekannt. Piaget entschied sich bewusst dafür, eine Distinktionsmarke zu werden und das natürlich mit ultradünnen und ultrapräzisen Uhrwerken als Rückgrat. Es war die herausragende Qualität in Verbindung mit enormer Kreativität, die eine hohe Sichtbarkeit erzeugten und der Marke zum Durchbruch im Luxusbereich verhalf.

Die Piaget Society

Die Stars aus Hollywood wurden dann durch die vierte Generation der Piaget-Familie auf die Marke aufmerksam. Die entscheidende Rolle spielt hierbei Yves Piaget, der als Markenbotschafter antrat und die Geschicke der Manufaktur über vier Jahrzehnte leitete. Er begann nicht nur die Marke zu bewerben, sondern er erkannte auch das enorme Potential von Gala-Abenden und Kunden-Events. Das klingt heute selbstverständlich. Und das war vielleicht harmlos zu heutigen Riesen-Events, aber hier mischten sich plötzlich Filmstars mit klassischen Kunden unter Musiker, Künstler und Geschäftsleute. Magazine auf der ganzen Welt berichteten über diese Events, was die Teilnahme daran für SchauspielerInnen wiederum noch begehrlicher machte.

Kunden, die besten Influencer

Entscheidend dabei bleibt für Heritage-Leiter Jean-Bernard Forot: „Die Stars waren Kunden, keine bezahlten Markenbotschafter.“ Das berühmte Buch „Piaget – Watchmakers and Jewellers“, das 2014 bei Abrams in New York erschien, hält eine Menge Geschichten dazu parat: Da wäre zum Beispiel die Assistentin von Elisabeth Taylor, die sich 1971 in der Genfer Boutique nach Uhren erkundigte, die Yves Piaget der Schauspielerin kurz darauf selbst mit dem Auto in ihre Suite ins Gstaad Palace hochfuhr. Viele solcher Anekdoten um damalige Piaget-Kunden sind so Flamboyant wie die Marke selbst.

Palace heißt übrigens auch das Dekor eines Armbandes, das eine Uhr von Jackie Kennedy ziert und bis heute eine Spezialität des Hauses ist. Das Original der Uhr zeigt Jean-Bernard Forot stolz beim Besuch in seinem Archiv: „Sie kaufte die Uhr in Beverly Hills in Los Angeles, 1967, als sie noch den Namen Kennedy trug.“

Jacqueline «Jackie» Kennedy
Credit: Mark Shaw / AP

Für ihn verkörpert diese Uhr alle Werte, die heute noch für Piaget gelten: „Wir haben vier Designsäulen in der Manufaktur: Die erste besteht im Material Gold, die zweite ist das Licht, das durch unsere Diamanten scheint, die dritte sind die Uhrwerke selbst und die letzte Säule ist die Farbe.“ Die Kennedy-Uhr verfügt über ein Zifferblatt aus Jade, einem Farbstein, das Zifferblatt ist gefasst mit Diamanten und Smaragden. Es sind diese Geschichten, die der Marke einen kometenhaften Aufstieg bescherten. Die Uhr, die Liz Taylor in Gstaad orderte, war eine aufwendige Cuff-Uhr, mehr ein Armreif aus Gold, der auch die Uhrzeit anzeigen konnte und der aus der legendären 21st Century Collection stammte, bei der die Familie Piaget ihren Kunsthandwerkern Carte Blanche gegeben hatte.

Vom Uhrmacher zum Juwelier

Der Ruhm, die Frauen im Uhrenbereich als Kundinnen so richtig ernst zu nehmen, gebührt Valentin Piaget, denn er war sowohl Uhrmacher als auch Goldschmied. Unter dem Eindruck, dass man völlig anders agierte als der Rest der Schweizer Marken, wollte man dem auch Ausdruck verleihen, und eröffnete Ende der fünfziger Jahre das, was man auch heute einen echten Showroom nennen würde: Den Salon Piaget. Dabei ging es nicht primär um den Verkauf. Er wurde 1959 eröffnet, hatte winzige Außenfenster, in denen nur wenige Stücke gezeigt wurden und er verfügte über kleinen Verkaufstresen. Forot beschreibt das Treiben der Stars damals so: „Man setzte sich, sprach über Kunst, und dann nebenbei auch über Uhren. Man muss sich das heute eher wie eine Kunstgalerie vorstellen, denn bei Piaget war man überzeugt: Die Kunsthandwerker sind genauso Künstler wie berühmte Bildhauer oder Maler.“

Salon Piaget – 1959

Die Kunstwelt horcht auf

Es war die Art und Weise wie Piaget seine Kreationen auflegte, die viele Künstler tatsächlich aufhorchen ließen: Sie spürten diese Kreativität und wollten sich mit ihr verbinden. Salvador Dali war einer von ihnen. Forot berichtet: „Ein Mensch von großer Kreativität und noch größerem Ego, der für sich das Recht der Könige beanspruchte, seine eigenen Münzen prägen zu lassen. Er entschied seine eigene Währung zu kreieren, und ließ sie in der Schweiz fertigen. Diese Münzen waren nicht als Währung gedacht, sondern Kunstwerke, denn sie waren nummeriert.“

Piaget erhielt das Recht, mit den Münzen Schmuckstücke zu erstellen, aber durfte sie nicht beschädigen. Man kombiniert sein Geschick im Fassen von Edelsteinen mit der Coin-Watch, so machte Piaget dieses Kunstwerk perfekt. Forot: „Da zahlten sich die Arbeit von 20 Jahren aus: Aus der ehemaligen Leistungsschau der Coin-Watches wurde ein zeitloses Kunstwerk, das von 1967 bis 1982 verkauft wurde.“

Pop-Art-Ikone Andy Warhol kannte Yves Piaget von verschiedenen Veranstaltungen und kaufte seine sehr ausdrucksstarke Piaget im Jahr 1974. Da sie eines der ersten Quarzuhrwerke beherbergte, das Beta21, das Piaget mit anderen Firmen wie Patek Philippe und Rolex gemeinsam entwickelt hatte, war sie nicht ganz so dünn, dennoch legte sie Piaget als Automatikuhr im Jahr 2015 in einer 28-teiligen Sonderedition wieder auf, gefolgt von einer weiteren Edition im Jahr 2017 mit Meteoriten-Zifferblatt. Forot weiß auch wie die Original-Uhr in die Sammlung von Piaget kam: „Die Familie Piaget kaufte vier der sieben Stücke, die Warhol gekauft hatte, wieder zurück, und zwar auf Auktionen. 1988, also ein Jahr nach dessen plötzlichem Tod 1987, fanden sich unter den 313 Uhren, die aus dem Besitz des Künstlers versteigert wurden, auch mehrere Piaget Modelle.“ Es war zugleich das erste Mal, dass die Familie damit begann, historische Stücke wieder anzukaufen.

Prominenz und gute Provenienz

Die Liste der prominenten Kunden ist so lang, dass man fast glauben möchte, die Piaget-Society sei ein eigener Film gewesen: Während Alain Delon mit seiner Uhr mit Automatikkaliber 12P Sport machte, war Gary Grant so stolz auf seine ultradünne Piaget, dass er sie stolz Yves Piaget bei dessen Besuch in den USA präsentierte. Und während Gina Lollobrigida ihre Piaget gegen Fidel Castros Seiko tauschte, als sie 1979 in Cuba weilte für eine Dokumentation über den kubanischen Revolutionär, bereitete Yves Piaget seine nächste Uhrenrevolution vor: Die Polo-Watch, die eine komplett neue Richtung für Piaget einschlug: Die erste Piaget-Uhr mit eigenem Namen wurde im selben Jahr vorgestellt.


Polo: Eine Uhr, wie es noch keine gegeben hatte


Die Piaget Polo entsprach nicht wirklich mehr einer klassischen Uhr, sie war vielmehr ein Armband mit einer integrierten Uhr. Aus massivem Gold gefertigt, verfügte sie Ende der siebziger Jahre über ein inhouse entwickeltes Quarzwerk, das natürlich ultradünn und ultrapräzise war.

Yves Piaget sorgte dafür, dass diese Uhr einen Namen bekam. Und seine Familie wehrte sich dagegen: Denn Piaget war bis dato Stil und Lebensgefühl genug, ein Name für Produkte war nie nötig gewesen. Aber der amerikanische Markt verlangte danach. Da er großer Pferdefan war, entschied sich Yves für den Namen Polo. Gleichzeitig war es das erste Sponsoring des Hauses, schlicht weil Polo als Sport der Könige auch damals ein sehr elitärer Sport war. Auch Künstler Andy Warhol besaß zwei verschiedene Modelle (es gab auch eine rechteckige Polo). Der Stil dieser Uhr erregte die Aufmerksamkeit zahlreicher Prominenter: Vom schwedischen Tennisspieler Bjorn Borg und seiner Frau bis zu den Schauspielern Roger Moore, Ursula Andress und Steve Martin, alle trugen die Polo.

Die betreffenden Uhren sind die Piaget Polo kleines Modell Referenz 8131 C701 aus 18 Karat Gelbgold mit rundem Gehäuse und die Piaget Polo großes Modell Referenz 7131 C701 mit quadratischem Gehäuse aus 18 Karat Gelbgold.

Jazz-Legende Miles Davis, der angeblich zu seinen Auftritten mit einer Aktentasche anreiste, die eine Auswahl verschiedener Uhren enthielt, um sich ganz kurz vor dem Auftritt für eine zu entschieden, gehörte zu den ersten, die diese Uhr trugen. Wer heute die Gelegenheit hat, sollte sich unbedingt die beiden frühen Modelle mal auf einer Auktion ansehen.

Stark verändert, folgte 30 Jahre nach dem Launch des Originals im Jahr 2009 die Polo-Forty-Five, für den heutigen Geschmack vielleicht mit gewöhnungs-bedürftigem Design, war sie das Brückenmodell für die Zukunft von Piaget und beherbergte nicht nur endlich das erste inhouse entwickelte Chronographenkaliber der Manufaktur, sondern man brach erneut mit der Tradition der Firma, nur Edelmetall zu verarbeiten: Das Gehäuse bestand aus Titan. Das in ihr verwendete und 2007 vorgestellte Kaliber 880P verfügte nicht nur über 50 Stunden Gangreserve (bei gestartetem Chronographen), sondern einen Flyback-Mechanismus, eine zweite Zeitzone und war nur 5,6 Millimeter dünn. 2016 folgte die Polo S, der Vorläufer des heutigen Modells im zeitgemäßen Design, das zur Vorstellung nicht unumstritten war, aber sich schließlich durchsetzte. Sie ist heute der wichtigste Umsatzbringer der Firma, natürlich neben den Damenuhren und Schmuckkreationen. Piagets erste Polo in Stahl wird bis heute mit den Kalibern 1110P und 1160 P als Chronograph ausgestattet.

Quarz, aber bitte ultradünn

Heute verwundert es vielleicht Neueinsteiger, dass Piaget für die Polo 1979 ausgerechnet ein Quarzwerk auserkoren hatte. Aber es war der Trend der Zeit und die Familie Piaget hatte bereits zehn Jahr zuvor an der Entstehung des berühmten ersten Schweizer Quarzwerkes, des Kalibers Beta 21, in einem Konsortium mit Rolex und Patek Philippe mitgearbeitet, wie bereits weiter oben erwähnt. Rolex verkaufte am Ende sogar über 100.000 seiner Quarzuhren, heute selbst Sammlerstücke, die Rolex Oysterquartz nannte.

Piaget hatte nur ein Problem mit diesem Uhrwerk: Es war schlicht zu dick für die eleganten Gehäuse der Firma. Besonders gut kann man das an dem von Andy Warhol erworbenen Modell sehen, dass seine Dicke durch ein besonders cleveres Design überspielt und sich heute – natürlich mechanisch – als „Vintage Inspiration Watch“ in der Kollektion wiederfindet. Bereits die Tatsache, dass die Beta 21-Kaliber für Piagets ultradünne Modelle zu groß waren, stellten einen ausreichenden Anreiz für das Unternehmen dar, einen neuen Weg einzuschlagen: 1976 stellte Piaget das Kaliber 7P vor, ein Quarzwerk, das nur 3,1 mm dick war und dank 900 Transistoren eine außergewöhnliche Ganggenauigkeit besaß. Das Kaliber 7P ist nicht nur das kleinste Quarzwerk seiner Zeit, es ermöglichte es Piaget, den Sturm zu überstehen, der die Schweizer Uhrenindustrie von 1975 bis 1985 erschütterte. Genau dieses Kaliber hat daher historisch seine Berechtigung, in der Piaget Polo zu sein.

Uhren, Schmuck, Kunst?

Wahrscheinlich ist Piaget bis heute die einzige Marke, die Uhrmacherei, Schmuck und Kunsthandwerk wirklich vollkommen miteinander vermählt hat. Oder zumindest vollkommen anders als das klassische Luxusmarken wie Cartier das gemacht haben: Für Yves Piaget war eine Uhr „first and foremost a piece of jewellery“. Ein Satz, den man sich auf der Zunge zergehen lassen muss, grade heute, in Zeiten von Smartwatches hat er mehr Berechtigung denn je.


Teil des Richemont-Konzerns


Seit 1988 arbeitet Piaget als Teil des Richemont-Konzerns an seiner Zukunft, mit insgesamt knapp 50 Uhrmachern, darunter sieben Meisteruhrmacher, an allen Standorten. Diese treiben unermüdlich die Miniaturisierung von Uhren, technischen Komplikationen aber auch deren Individualisierung voran.

Wie es dazu kam? Bereits 1988 war man der Cartier-Gruppe beigetreten, in der Yves Piaget als Präsident weiterhin tätig war. 1993 ging Piaget zusammen mit Cartier im Vorläufer des Richemont-Konzerns, der Vendôme Luxury Group, auf. Übrigens ist Yves Piaget dem Unternehmen bis heute als Markenbotschafter treu geblieben, inzwischen 80 Jahren alt.

134 Verkaufspunkte auf der ganzen Welt

Zusammen mit dem berühmtesten seiner Showrooms in Genf vertreibt Piaget in Europa seine Produkte in 11 exklusiven Boutiquen, darunter auch am Place Vendôme in Paris. Unter anderem Wempe und Bucherer führen Piaget Uhren und Schmuck in Deutschland. Weltweit verfügt man über ein Netz von 134 Boutiquen, die meisten davon in Asien und darunter 68 integrierte Shops in den berühmtesten Einkaufshäusern der Welt wie Harrods in London oder der Gallery Lafayette in Paris. Wer das Klima und die Reisekasse schonen will, kann bei Piaget bereits seit genau zehn Jahren online einkaufen, ebenfalls führen Net-a-Porter und Mr Porter Piaget Produkte.

Der ehemalige CEO Leopold Metzger, der von 1999 bis 2017 fast 20 Jahre lang das Unternehmen führte, bevor er von Chabi Nouri und im Sommer 2021 von Benjamin Comar abgelöst wurde, sagte einmal: „Wir haben als eine der ersten Uhrenmarken überhaupt bereits 1959 eine eigene Boutique gehabt.“ Diesen Erfahrungsschatz mit prominenter Kundschaft lässt man sich nicht nehmen.

Benjamin Comar
CEO, Piaget


Eine Piaget für sich allein


Denn Piaget ist nach wie vor den Reichen und Stars ein Begriff, nur führen die ihren Luxus heute nicht mehr so offensichtlich spazieren: Allein 15 Prozent der gesamten Produktion sind aufwendig hergestellte Einzelanfertigungen, die Kunden aus der gesamten Welt bestellen, wie CEO Comar berichtet. „Unsere Kunden kennen sich definitiv aus im Bereich Schmuck und Uhren. Ich sage immer sie sind im Know und im How.“ Er betont dabei aber, dass jeder Piaget-Kunde gleich wertvoll für ihn ist. Auf die Frage zum Abschied, welche der Uhren aus der aktuellen Kollektion für ihn am meisten Piaget repräsentieren, antwortet er, ohne lange zu überlegen: „Meine Altiplano Ultimate mit dem Kaliber 910P, die ich viel trage. Eine tolle Alltagsuhr, was man ihr auf den ersten Blick nicht zutraut, weil sie so dünn ist.“ Als zweites wählt er die recht neue Polo Skeleton, die für ihn den richtigen Twist für das 21. Jahrhundert besitzt. Das letzte Jahr vorgestellte Modell wird vom bereits 2012 eingeführten, skelettierten, ultraflachen Kaliber 1200S angetrieben. Als drittes führt er die Limelight Gala an, angetrieben wahlweise von einem Quarz- oder dem Automatikwerk 501P1. Für Comar ist sie „die Quintessenz einer Schmuckuhr. Sie ist sehr extravagant und damit das, wofür Piaget steht.“

Für den Research & Innovation Chef Remi Jomard sticht neben der Altiplano Ultimate vor allem das Kaliber 1110P hervor, das in der Polo tickt. „Während beim erstgenannten Modell nur kleinste Stückzahlen realisiert werden, geht es beim Kaliber 1110P schon um eine Produktion, bei der wir mehr auf industrielle Methoden setzen.“ Dieses Kaliber wird daher auch in einer weiteren Fertigungsstätte produziert, die gemeinsam von allen Richemont-Marken betrieben wird. Über Stückzahlen schweigt man sich bei Piaget natürlich aus wie bei allen Manufakturen in Richemont-Besitz. Auch wenn Experten heute von jährlich rund 25.000 – 30.000 Uhren ausgehen, bleibt CEO Comar hierbei verschwiegen wie der blinde Mönch aus dem Roman Der Name der Rose.

Remi Jomard
Head of Research and Innovation, Piaget

Wie die Piaget-Rose den Familiennamen erhielt

Übrigens, wer sich jetzt fragt, wo die eingangs erwähnten Botanikers auftauchen mit der Piaget Rose, muss noch mal zurück zu Yves Piaget. Der Mann, der seit seiner Kindheit eine Leidenschaft für die Rosenzucht hegt, stiftete er einen Preis aus massivem Gold für einen Wettbewerb namens Concours des Roses Nouvelles de Geneva: 1982 widmete der berühmte Rosenzüchter Alain Meilland die Siegerrose mit ihren 80 dichten Blütenblättern, ihrer zarten Farbe und ihrem betörenden Duft Yves Piaget als Tribut an seine großzügige und leidenschaftliche Unterstützung. Sie inspirierte später Jean-Bernard Forot zur Schmuckkollektion Piaget Rose

Komplizierte ultradünne Uhrwerke

Auf die Zukunft der Manufaktur angesprochen, betont CEO Comar den Weg der Kontinuität:
„Wir werden die Reise zu ultradünnen Uhrwerken fortsetzen, das ist unsere Signatur. Hier gilt es, diese Modelle mit der Welt der Komplikationen zu vermählen.“ Auf der anderen Seite hält er die skelettierten Uhren in Zukunft für ein spannendes Feld, „zum einen, weil wir die glaubwürdige Geschichte dazu haben, und zum anderen ist Transparenz eine tolle Möglichkeit, echtes Handwerk für jedermann sichtbar zu machen.“

Wettbewerb belebt das Uhrengeschäft

Angesprochen auf die immer stärker werdende Konkurrenz ultradünner Uhren und Werke von Mitbewerbern wie Bulgari und Richard Mille, die wie erwähnt inzwischen einige Piaget-Weltrekorde einstellten, reagiert man in Plan-Les-Ouates erstaunlich gelassen. Comar: „Wir betrachten das als einen kreativen Austausch. Wir sind sehr stolz, dass es diesen Trend gibt, denn wir haben ihn gesetzt.“ Und sein R&I Chef Jomard ergänzt: „Der größte Unterschied anderer Hersteller zu Piaget ist, dass sich bei uns Technik und Gestaltung zu einem harmonischen Ganzen verbinden.“

Das gelte auch für zukünftige Weltrekorde, an denen man ohne Zweifel zum 150. Firmengeburtstag arbeitet, das nächstes Jahr gefeiert wird. Jomard macht deutlich: „Es ist immer möglich, die Grenzen der Physik weiter auszuloten. Aber der Sinn einer mechanischen Uhr ist es, sie zu tragen und ab einem bestimmten Moment werden die Uhren einfach zu dünn, um sich beim Tragen damit wohlzufühlen.“ Sein Chef fügt hinzu: „Und wir werden natürlich unsere Ultimate weiterentwickeln, aber die Idee ist nicht, nur Weltrekorde zu brechen. Wir wollen wunderbare Uhren herstellen.“ Wenn dieser Anspruch bestehen bleibt, muss man sich um die nächsten 150 Jahre von Piaget keine Sorgen machen.


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