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Made of Steel: Wempe Glashütte I/SA Iron Walker
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Made of Steel: Wempe Glashütte I/SA Iron Walker

Als Wempe vor zwei Jahren ihre neue Uhrenlinie Iron Walker vorstellte, wurden wir neugierig. Hatten wir uns bislang ja vorwiegen für Feinmechanik von Schweizer Herstellern interessiert, kam mit der stählernen Iron Walker und ihren integrierten Bändern eine äußerst gefällige und kontemporäre Linie auf den Markt, Made in Germany. Und das von Wempe, eigentlich Uhren- und Schmuckhändler, einem der größten und renommiertesten weltweit. Doch die Historie und Expertise in der Fertigung von Präzisionsuhren reicht bei Wempe weit zurück. Die wenigstens wissen das wirklich. Dieses Jahr lancierte Wempe eine Reihe neuer Iron Walker Zeitmesser und wieder hat uns ihr markantes Design und fairer Preis aufhorchen lassen. Nun haben wir uns ausführlicher mit der Kollektion und Geschichte beschäftigt.


Wempe Chronometerwerke Hamburg


Bevor wir uns mit der Iron Walker beschäftigen, muss man auf das uhrmacherische Erbe von Wempe eingehen. Der Rückblick führt uns in eine Zeit, als Schiffschronometer in aller Munde waren und die Produktion auch in Deutschland Fahrt aufnahm. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts ließen viele Deutsche Reeder ihre Schiffe in England bauen und entsprechend auch mit englischen Chronometern ausstatten. Somit war das Geschäft mit Schiffschronometern für deutsche Uhrmacher nicht sonderlich lukrativ. Erst mit der Deutschen Reichsgründung im Jahr 1871 wuchsen das Interesse und die Unterstützung für die Schifffahrt hierzulande. Hamburg spielte dabei eine entscheidende Rolle. 1875 wurde die Deutsche Seewarte in Hamburg gegründet, um wettbewerbsfähig zu werden und sich vom Ausland unabhängig zu machen. Es begann ein regelrechtes Wettringen unter den Chronometerherstellern in Deutschland und ab 1877 fanden jährliche Chronometer-Wettbewerbe mit beträchtlichen Geldpreisen statt. Unter den späteren Teilnehmern waren auch die Chronometerwerke Hamburg vertreten, die 1905 von hanseatischen Reedern gegründet wurde, unter der Leitung zuerst von Ferdinand Dencker, und kurze Zeit später von Ernst William Meier, der bis zu seinem Tod 1929 Geschäftsführer blieb. Wer sich für die geschichtlichen Einzelheiten interessiert, der sollte sich bitteschön die Literatur von Manfred Lux „Alte Uhren und moderne Zeitmessung“ zu Gemüte führen.

Gründer des Familienunternehmens: Gerhard D. Wempe

Es war Herbert Wempe, Großvater von Kim-Eva Wempe, die das Unternehmen heute noch leitet, der 1938 dann die Chronometerwerke Hamburg übernahm und nicht nur das Erbe seiner Vorgänger weiterführte, sondern sich auch besonders für die Ausbildung von Uhrmachern stark machte. Später belegten die Uhrmacher-Lehrlinge von Wempe die ersten Plätze bei Leistungswettbewerben. Es gibt übrigens noch heute eine Bundesliga der Uhrmacher in Deutschland und auch heute noch kommen die Besten aus den Glashütter Werkstätten von Wempe.

Chronometerfertigung bei Wempe in Hamburg

Kurz nach der Übernahme von Herbert Wempe brach der 2. Weltkrieg aus und die Nachfrage nach Marinechronometern stieg. Das Reichs-Luftfahrtministerium sowie das Oberkommando der Kriegs-Marine beauftragte alle Chronometerhersteller in Deutschland, das von den Wempe Chronometerwerke neuentwickelte Rohwerk zu übernehmen und fertig zu stellen. Insgesamt 8 Chronometerhersteller fertigten auf Basis des Wempe Uhrwerks das sogenannte Einheitschronometer. Erst zehn Jahre nach Kriegsende, 1955, stellten die Wempe Chronometerwerke wieder eigene Chronometer her. Heutzutage ersetzen zwar moderne Navigations- und Zeitsysteme das Schiffschronometer, aber Wempe produziert auch heute noch kleine Sonderserien für Liebhaber. Die Marinechronometer wurden übrigens immer schon in Hamburg gebaut – seit 2017 ist Ihre Fertigung in das sächsische Glashütte verlegt worden.


Sternwarte Glashütte


Zwei Visionäre der deutschen Uhrmacherei, Herbert Wempe und Otto Lange (ehem. Mitinhaber von A. Lange & Söhne) hatten den Traum in Glashütte eine Forschungs- und Weiterbildungsstätte für junge Uhrmacher sowie ein Reglage-Institut aufzubauen. Sie gründeten 1939 die Arbeitsgemeinschaft „Sternwarte Glashütte“. Doch der Zweite Weltkrieg machte ihre Pläne zunichte – Ende der 1940er Jahre wurde die Sternwarte zu kommunalem Eigentum erklärt.

Otto Lange und Herbert Wempe

Mit der Zeit verfiel die Sternwarte zu einer Ruine. Doch den Traum für einen „Hort der genauen Zeit“, wie Herbert Wempe und Otto Lange ihre Pläne beschrieben, gab Wempe niemals auf. Am 24. Januar 2005 hatte das Hamburger Familienunternehmen das 620 qm große Gelände mit der Sternwarte erworben und rund 1.5 Millionen Euro in die Umbauarbeiten des Observatoriums investiert. In der Sternwarte befindet sich die einzige deutsche Chronometerprüfstelle, die vom Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz und dem sächsischen Staatsbetrieb für Mess- und Eichwesen unabhängig betrieben wird. Sie führen die Chronometerprüfung nach ISO 3159 durch, nur nach bestandenem Test dürfen sich die Uhren „Chronometer“ bezeichnen.

Wempe beschäftigt in Glashütte rund 40 Mitarbeiter und produziert rund 5.000 Uhren im Jahr. Das macht sie schon fast zu einer Mikrobrand. 16 Uhrmacher werden derzeit im eigenen Weiterbildungsinstitut ausgebildet. Ein weiteres Stockwerk ist bereits in Planung, so dass dann 24 Uhrmacher zeitgleich ausgebildet werden können.


Armbanduhren von Wempe Glashütte I/SA


Im Jahr 2006 lancierte Wempe dann unter der Marke Wempe Glashütte I/SA zum ersten Mal eigene Armbanduhren. In den beiden Kollektionen Wempe Chronometerwerke und Wempe Zeitmeister gingen 11 Referenzen an den Start. Fortan kamen jedes Jahr neue Modelle hinzu. Als Hommage an die Marinechronometer wollte man am Standort Glashütte wieder eigene Werke produzieren. So finden sich in der Wempe Chronometerwerke Kollektion in-house Kaliber, die in Glashütte zusammengebaut und veredelt werden. Je nach Kaliber werden in Glashütte Kloben, Brücken und Grundplatinen gefertigt oder die Unruh ersetzt. Sogar Unruhkloben werden am Standort in Glashütte handgraviert. Die derzeit dafür zuständige Graveurin hat bei A. Lange & Söhne gelernt und wurde Landessiegerin der Uhrmacherbundesliga.

„Wenn 51% der Wertschöpfung von Firmen aus Glashütte stammen, dürfen die Uhren den Namen ‚Made in Glashütte‘ tragen. Und die Chronometerwerke von Wempe erfüllen diese Anforderungen leicht“, so Bernhard Stoll, CEO der Watch Division bei Wempe.

2020 präsentierte Wempe Glashütte I/SA dann die neue Iron Walker Kollektion mit ETA und inzwischen auch Sellita Werken, die in der Glashütter Manufaktur nach den Anforderungen der Prüfstelle feinreguliert werden.


Iron Walker


Die geschichtliche Exkursion ist wichtig, um zu verstehen, dass Wempe ein ernstzunehmender Player im Kreis der mechanischen Uhrenhersteller ist. Was für Fans Schweizer Uhren die COSC Zertifizierung ist, ist bei Wempe nichts weniger als die Chronometerzertifizierung nach ISO 3159, die es ausschließlich in Deutschland gibt. Jede Uhr durchläuft nach der Montage und Feinregulierung einen mehrtätigen Test in fünf verschiedenen Lagen. Die mittlere Gangabweichung darf danach maximal zwischen -4 und +6 Sekunden liegen. Der Unterschied zur COSC ist, dass die Werke eingeschalt in den Uhrengehäusen – statt separat – getestet werden, was eher den Bedingungen im Alltag entspricht.

2020 lancierte Wempe also die Iron Walker. Den Namen für die Kollektion hat sich Wempe bereits 2010 patentieren lassen. Ideengeber ist Deutschlandchef Bernhard Stoll, selber gelernter Uhrmacher, nachdem er eine Dokumentation über die Stahlarbeiter in New York gesehen hat, die sogenannten Iron Walker, die in schwindelerregender Höhe ungesichert auf den schmalen Stahlgerüsten balancierten. „Ohne diese Iron Walker wäre nie ein Wolkenkratzer entstanden“, schwärmt Stoll. „Wir hatten schon lange den Wunsch einer Uhr komplett aus Stahl, und die Geschichte der waghalsigen Iron Walker hat dazu perfekt gepasst“.

Nach über 2 Jahren Entwicklungsphase und unzähligen verworfenen Ideen war es 2020 soweit. 16 Modelle der stählernen Iron Walker schafften sich selbstbewusst ihren Platz im Sortiment von Wempe Glashütte I/SA. Die Wempe Zeitmeister Sport nahm man dafür aus dem Portfolio. Inzwischen gibt es 19 Modellvarianten der Iron Walker mit mechanischen Werken, von klassischen 3-Zeiger-Dress-Watches mit Datum über Chronos bis hin zu Taucher- und Tidenuhren. Darüber hinaus gibt es auch Quarzmodelle und Sondereditionen. Die Dress-Watches gibt es in 36 mm und 40 mm mit schwarzem, blauem und silbernem Zifferblatt, wobei 36 mm als Damenuhr ausgewiesen ist, aber das Modell ausgesprochen gut an schmalen Herrenhandgelenken aussieht. Die Chronographen, GMT Modelle und Taucheruhren haben einen Gehäusedurchmesser von 42 mm, der am Handgelenk aber schmäler wirkt. Dieses Jahr kam noch ein XL Chrono in 44 mm und erstmals mit Kautschukband dazu.


Design-Features


Auch wenn sportliche Stahluhren mit integrierten Bändern bei Herstellern wie Kunden angesagt sind, hat es Wempe geschafft, ihren Iron Walker Kreationen einen eigenständigen Look zu verpassen. Dabei stechen die GMT, Taucher- und Tidenuhren besonders heraus, denn ihre jeweilige Zusatzfunktion wird anhand eines innenliegenden Höhenrings angezeigt. Bei der Automatik GMT ist er neben schwarz/weiß auch in schwarz/orange erhältlich, was in Kombination mit dem schwarzen Zifferblatt und den orangefarbenen Akzenten auf der Krone und Stundenzeiger ziemlich harmonisch und stylisch aussieht. Gut verarbeitete Höhenringe haben den Vorteil, dass sie auch größere Uhren kompakter aussehen lassen, da das Ziffernblatt kleindimensionaler wirkt. Und hier ist alles tadellos verarbeitet! Der Höhenring ist im perfekten Winkel abgeschrägt, was viel über die Ästhetik einer Uhr aussagt.

Wempe verwendet das hochwertige 316L Edelstahl, welches oberflächlich mattiert und für die Kanten poliert wurde. Der Flankenschutz, der bei allen Modellen zu sehen ist, ist elegant gelöst und ein weiteres Indiz für eine eigenständige Sportuhren-DNA. Ein weiteres schönes Detail, woran sich Uhren-Enthusiasten oftmals reiben, ist die Datumsscheibe, die hier farblich auf das Zifferblatt abgestimmt wurde. Das Datum lässt sich unabhängig von der Zeitanzeige über die Krone stellen. Wer sich für die neuen, größeren XL Chronographen in 44 mm interessiert der sollte wissen, dass das blaue Zifferblatt durch den Sonnenschliff mehr glänzt, anders als das verwendete Blau auf den restlichen Modellvarianten. Es gibt alternativ auch noch eine Variante mit mattschwarzem Zifferblatt.


Schweizer Werke, in Glashütte veredelt


Anders als bei den Wempe Chronometerwerken greifen die Uhrmacher bei der Iron Walker auf ETA (7753 & 2892-A2) und Sellita Werke (330-2 & 500) zurück. Sie werden allerdings in Glashütte montiert und mit eigenen Unruhkloben und Stoßsicherung ausgestattet. Die eigene Feinregulierung ermöglicht die Chronometerzertifizierung nach ISO 3159. Auf den Zifferblättern findet sich dann bei allen Uhren von Wempe Glashütte I/SA die Aufschrift „Made in Germany“. Und wer sich für die Uhrwerksmechanik interessiert der weiß, wie bewährt und zuverlässig die Werke von ETA und Sellita ohnehin sind. Ob in Zukunft auch die Iron Walker mit Manufakturwerken von Wempe ausgestattet wird, bleibt abzuwarten.

ETA 7753 (links) & ETA 2892-A2 (rechts)


Resümee


Wie kurz erwähnt ist die Verarbeitung der Uhren einwandfrei; Gehäuse, Indizes, Rehaut, Zeiger, Datumsanzeige, Drücker und Zifferblätter. Genauso gut ist der Tragekomfort, da die Maße der Uhren, von Gehäuse über Bandanstöße durchdacht bemessen wurden. Die 40 mm Drei-Zeiger-Automatik-Walker mit Datum hat eine Bauhöhe von gerade einmal 9,75 mm und liegt damit überraschend flach am Handgelenk. Aber auch die Chronographen mit 13,95 mm bauen eher flach. Die 42 mm wirken am Handgelenk wie 40 mm.

Wempe Glashütte I/SA bietet mit der Iron Walker im Einstiegsbereich sehr viel Uhr für einen fast unschlagbar moderaten Preis. Die Iron Walker Automatik startet bei 2.495 Euro mit 36 mm Gehäuse (2.595 Euro in 40 mm). Die Taucheruhren kosten 3.275 Euro, die Tidenuhr 20 Euro mehr und die Iron Walker Automatik GMT3.495 Euro. Der Iron Walker Chronograph in 42 mm ist für 3.995 Euro zu haben und der neue Chronograph XLmit 44 mm kostet 4.395 Euro.

Die Iron Walker Uhren sind modische Allround-Talente. Die Inspiration mag von den waghalsigen Stahlarbeitern hoch oben auf den Wolkenkratzern stammen – doch getragen werden sie von den Männern unten in den Metropolen. Von Managern im Anzug, Jet-Settern, Jeans- und Sneakerträgern, jungen Berufseinsteigern und Gentlemen im endlosen Großstadtdschungel. Welches Modell sie dabei tragen, spielt fast keine Rolle, so vielseitig ist die Kollektion.


wempe.com