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Breguet Manufaktur – von Hightech Robotern und sanftmütigen Händen in der Wiege der Uhrmacherei

Breguet Manufaktur – von Hightech Robotern und sanftmütigen Händen in der Wiege der Uhrmacherei

breguet manufacture

Im Waadtländer Jurahochtal ‚Vallée de Joux’ scheint die Zeit stillzustehen. Die idyllisch gelegenen Gemeinden rund um den See ‚Lac de Joux’ leben hauptsächlich von der Milchwirtschaft und ihren Käsereien. Und der Uhrmacherei. Von Ortschaft zu Ortschaft am Ostufer des Sees mischen sich zwischen in die Jahre gekommene Häuser imposante Konstruktionen namhafter Uhrenhersteller, die offenkundig dem Verfall der Zeit entgegenwirken wollten. Am Südostufer des Lac de Joux liegt das Örtchen L’Orient, und gleichzeitig die Werkstätte von Breguet. Blickt man einige Jahre zurück, schien auch für die einst so florierende Maison die Zeit still gestanden zu haben. Denn nach dem Tod des Gründers Abraham-Louis Breguet im Jahr 1823 wurde der Innovations-Geist des strebsamen Tüftlers kaum angemessen gefördert. Dann kam Nicolas G. Hayek, der Swatch Group Gründer und wohlmöglich Retter der Uhrenmarke, die mit knapp 245 Jahren (1775 gegründet) auf dem Buckel und einigen namhaften Patenten ein enormes Erbe aufweist. Mit diesem Potential im Hintergrund integrierte Nicolas G. Hayek im Jahr 1999 die Groupe Horloger Breguet SA (zu der auch Uhrwerkshersteller Lemania gehört) in die Swatch Group und legte den Grundstein für eine neue Ära. Im Jahr 2003 wurde dann Lemania in die Breguet SA integriert und somit Breguet zur Manufaktur.

Es ist Mitte November und das Jura-Hochtal bereits in eine leichte Schneedecke gehüllt. Bilder in der Manufaktur geben aber einen ernüchternden Eindruck davon, wie es hier in strengen Wintermonaten aussehen kann. So märchenhaft das Winter-Wonderland für den Betrachter erscheinen mag, umso mühsamer ist es dann, die Manufakturen zu erreichen. Das galt insbesondere für die Anfänge, als weder Handelsrouten ausgebaut waren, noch motorisierte Fortbewegungsmittel existierten. Zwischen den Jahren 1999 und 2013 wurden umfangreiche Erweiterungen der Manufaktur vorgenommen. Inzwischen verschmelzen Klassik und Moderne – vorne das alte Werkshaus von Lemania, hinten der neue Trakt der modernen Manufaktur, in der inzwischen rund 830 Mitarbeiter arbeiten.

Der Respekt vor dem Produkt als oberstes Gebot

Hier entstehen Uhren, bei denen jedes Werksteil die Hauptrolle spielt. Und demensprechend sorgen sich die Uhrmacher auch um ihre Schützlinge. Aber in jedem Schützling steckt erst mal ein Rohling und der muss zu allererst in Form gebracht werden. Wohingegen die einzelnen Werkstätten früher noch teilweise ausgelagert waren, herrscht heute eine klare Struktur im Ablauf aller Arbeitsschritte. Die Platinen werden anfangs aus großen Messing-Rollen gestanzt. Die entsprechenden Stanz-Blöcke lagern im Manufakturinternen Archiv. Breguet verfügt über 2.300 verschiedene solcher Blöcke – einige davon stammen noch aus der Lemania Zeit. In der sogenannten Abteilung für das ‚Stanzen’ werden alle Werks-Rohlinge hergestellt. Hier werden lediglich die ersten Löcher vorgebohrt, damit die Rohlinge in die entsprechenden Maschinen zur Weiterverarbeitung eingesetzt werden können.

Vor der Weiterverarbeitung nehmen allerdings alle Uhrwerkteile erst ein Bad. Bei der Oberflächenreinigung werden Materialreste und andere Verunreinigungen beseitigt und zur selben Zeit werden die Teile individuell poliert. Dafür werden in die dafür vorgesehenen Waschmaschinen je nach Bedarf Kupfer, Keramik oder sogar Nussschalen zugegeben, allerdings in kleinkörniger bis pulverisierter Form. Je grobkörniger, desto matter die Politur, je feiner, desto mehr Glanz. Nach jedem Arbeitsschritt kommen die Teile hierher zurück.

Der Wandel der Zeit – Roboter im Jurahochtal

Die Gegensätze zwischen landschaftlicher Idylle und Manufaktur-Leben machen sich langsam bemerkbar. So beruhigend der Blick aus dem Fenster ist, wo im Sommer die Kühe auf den Weiden grasen und zu dieser Jahreszeit ein wundersamer Nebel über den See schleicht, desto umtriebiger geht es in der Manufaktur zu. Alte Maschinen mischen sich unter High-Tech Roboter – um möglichst authentisch zu arbeiten, wollte Nicolas G. Hayek viele der traditionellen Maschinen erhalten. Die Guillochiermaschinen stammen aus den 1950er Jahren und wurden mit Neuen aufgestockt. Im nächsten Werksschritt kommen die mächtigen Roboter zum Einsatz, die eher den Eindruck erwecken, als würden sie die filigranen Werksteile verschlucken wollen, anstatt sie mit höchster Vorsicht und Präzision zu bearbeiten. Sie übernehmen das Fine Tuning der vorgearbeiteten Rohlinge und bohren Löcher oder fräsen winzige Partikel aus den Platinen und Werksteilen. Das Öl spritzt pausenlos hinter den transparenten Glasscheiben und sorgt dafür, dass die Teile ausreichend gekühlt werden und unter Druck und Hitze geschmeidig bleiben und nicht brechen. Sie arbeiten rund um die Uhr – stockt es nachts irgendwo, bekommt der Werksleiter eine Nachricht auf sein Handy. Ein erholsamer Schlaf schaut zwar anders aus, aber der Wandel der Zeit fordert seinen Tribut.

Das Kunsthandwerk lebt weiter

Bei einem Manufakturbesuch hat sicherlich jede Abteilung gleichermaßen seinen Reiz, abgesehen davon, dass jeder Arbeitsschritt sowieso gleichermaßen wichtig für das Gesamtkonstrukt Uhr ist. Allerdings gibt es einen Bereich, der für die Marke Breguet einen ganz besonderen, geschichtlichen Stellenwert eingenommen hat. Abraham-Louis Breguet war ein Meister des Veredelns von Werksteilen und Zifferblättern. 1786 erfand Breguet einen neuartigen Stil von Zifferblättern – guillochiert auf Gold – und etablierte ihn. Die Handguillochage gehört zu den Erkennungsmerkmalen der Breguet Zeitmesser. Somit wird auch heute noch ganz besonderes Augenmerk auf diese Handwerkskunst gelegt. In der Abteilung für die ‚Guillochage’ stehen 35 restaurierte und neue Guillochiermaschinen, an denen 20 Guillocheure mit geschultem Blick und Engelsgeduld die Rohlinge zu kleinen Kunstwerken verwandeln. Die Arbeit ist so detailliert, dass sie den feinen Stichel nur durch ein Mikroskop im Blick ansetzen und rotieren. Nun werden Verzierungen wie Clou de Paris, Sonnenstrahl, Korn, Wellen, Vieux Panier, Schachbrettmuster, oder Flammenmuster in die Rohlinge guillochiert. Sie sind meistens aus Gold (und werden dann versilbert) – in manchen Fällen sogar aus Perlmutt, was aufgrund des empfindlichen Materials eine noch größere Herausforderung darstellt. In diesem Bereich der Manufaktur hat uns die Hochtal-Idylle wieder zurück – die einzigen Geräusche kommen vom Klacken der Maschinen, wenn sie von Hand neu kalibriert werden.

Im Nebenraum sitzen die Meister der Gravur. Hier werden die vielen Motive in die Zifferblätter, Brücken und Rotoren eingraviert, wie man sie zum Beispiel aktuell besonders eindrucksvoll auf der Rückseite der Équation Marchante bewundern kann. Es gibt kaum Teile bei Breguet, die nicht guillochiert oder graviert werden. Am Nebentisch dürfen sich die Nachwuchs-Graveure aus dem Manufaktureigenen Ausbildungs-Programm an Rohlingen aus Messing versuchen, denn um den aufwendigen Breguet Schriftzug zu beherrschen, braucht es einige Monate an Übung. Bei fast allen Modellen wird der Breguet Schriftzug sowie die Modellnummer von Hand eingraviert. Die Besten unter ihnen arbeiten seit 30 Jahren in diesem Bereich und nur sie beherrschen einige der komplexesten Techniken. Übrigens arbeiten auch heute noch viele ortsansässige Familien bereits seit Generationen für die Manufakturen im Vallée de Joux. Ein paar Werkbänke weiter wird die ‚Anglage’ der Werksteile vorgenommen. Anstatt sie nach dem Stanzen ihrem Schicksal zu überlassen, werden hier die Kanten feinsäuberlich mit Metallfeilen oder Rollierholz und Schleifpaste in einem Winkel von 45 Grad abgeschrägt und poliert, je nach Veredelung. Ein Anspruch, den Breguet selbstverständlich seit den Anfängen verfolgt. Aus diesem Grund wurde in der Manufaktur ein eigener Bereich für die ‚Anglage’ eigerichtet, was nicht selbstverständlich ist.

Breguet Uhren zeichnen sich noch durch einige weitere Erkennungsmerkmale aus. Neben den guillochierten Zifferblättern sind es wohl die typischen, durchbrochenen blauen ‚Pomme’ Zeiger. ‚Pomme’ (dt. Apfel) kommt von den Kreisspitzen der Zeiger. Auch die Breguet-Ziffern haben eine unverkennbare, von A.-L. Breguet entworfene Kalligrafie. Da bei Breguet fast nichts unangetastet bleibt, haben die Gehäusemittelteile diverser Modelle die sogenannten Kannelüren erhalten, fein strukturierte, vertikale Rillen mit zwei übereinander liegenden Linien. Sie werden ebenfalls von Hand bearbeitet. Da die Uhren von Breguet schon früh kopiert wurden, führte A.-L. Breguet bereits 1795 eine geheime Signatur ein. Sie befindet sich auf dem Zifferblatt und ist nur bei flach einfallendem Licht sichtbar.

Die Erfindung des Tourbillon – Getrieben vom Innovationsgeist

Neben diesen Erkennungsmerkmalen ist Breguet auch für zahlreiche Erfindungen und Patente bekannt. Eine der erfolgreichsten war wohl das Tourbillon von 1801. Heute ist die Manufaktur der weltweit größte Hersteller von Tourbillons und kann davon sieben ‚Tourbillon Familien’ vorweisen, basierend auf mehreren Modellen. Und Breguet Kunden verlangen nach Innovation. So kamen in den letzten Jahren wieder einige Neuheiten dazu: augenblicklicher Zeitzonenwechsel, magnetisch gelagerter Unruhzapfen, wandernde Zeitgleichung. Es wird viel mit Silizium experimentiert, welches bereits im Hemmungsrad, Anker und der Spiralfeder zum Einsatz kommt. Im Tourbillon wird mit Titan gearbeitet.

In der Manufaktur kümmert sich der Leiter der ‚Tourbillon Assembly Unit’ um das Erbe und die Innovationen aller bestehenden und neuen Werke, die Breguet allesamt in-house herstellt. Seit 35 Jahren arbeitet er für Breguet und hat in all den Jahren sichtlich nichts an Begeisterung für sein Handwerk verloren. Sein persönlicher Favorit stammt aus der ‚Extra Plat’ Kollektion, mit einem extraflachen Uhrwerk und einem Tourbillon, der zu schweben scheint und sagt darüber: „er ist magisch und gleichzeitig minimalistisch“. Wenn er über die Technik der einzelnen Tourbillon Werke erzählt, schwingen so viele Emotionen mit, dass die kleinen Käfige nur durch seine Anwesenheit zu rotieren scheinen. Das funkeln in seinen Augen wird vom üppigen Stahl der Werke reflektiert – oder ist es doch andersherum?

Strenges Hausverbot für Roboter im Atelier der Restaurateure

Zum krönenden Abschluss führt unsere Tour noch durch das Atelier, in dem Breguet alte Uhren restauriert. Hier haben Roboter Hausverbot – der kleine Raum ist so traditionell eingerichtet, er könnte eine Nachbildung von A.-L. Breguets erster Werkstatt in Paris sein. Einer der vier Uhrmacher bearbeitet gerade eine Taschenuhr mit Minutenrepetition und einem Emaile Zifferblatt aus dem Jahr 1802. Sie stammt von einem anonymen Kunden und soll restauriert werden. Das dauert einen einzigen Uhrmacher, der im Atelier übrigens alle Werksschritte eigenständig übernimmt zwischen sechs bis acht Monate. Werkzeuge werden neu produziert, wenn sie nicht mehr existieren. Silizium Spiralen, Titan und andere moderne Materialien kommen hier nicht zum Einsatz – es wird versucht so originalgetreu wie möglich zu arbeiten, aus Respekt zum uhrmacherischen Erbe.

Und dann steht da noch eine ganz besonders graziöse Tischuhr: die Breguet Sympathique N13. Sie ist die Nummer 13 von 20 existierenden Exemplaren, die seit 1991 gebaut wurden. Sie basiert auf einem Design aus dem Jahr 1793, wovon A.-L. Breguet nur fünft zu Lebzeiten baute. Ein Original steht heute noch im Englischen Königshaus. Das Besondere an der Tischuhr ist, dass sie eine zweite Uhr (Armbanduhr bzw. früher Taschenuhr) alle zwei Stunden automatisch neu einstellt und aufzieht. Sie wird oberhalb des Zifferblattes – in erster Linie über Nacht – eingesetzt. Daher auch der Name ‚Sympathique’, da zwei Objekte miteinander sympathisieren.

Emmanuel Breguet – Pflichtbewusster Nachfahre des Gründers

Bei bis zu 767 verschiedenen Uhrwerksteilen und 13 Stationen mit verschiedenen Arbeitsschritten verliert man leicht den Überblick. Auf Monitoren lässt sich daher jederzeit genau nachvollziehen, wo sich welches Teil gerade befindet, auch, welche Maschinen in Betrieb sind und wie effizient sie arbeiten. Abraham-Louis Breguet hätte sich sicherlich ebenfalls über so viel Kontrolle gefreut. Und noch viel mehr darüber, welche Stückzahlen seiner Uhren dank moderner Technik heute in alle Herren Länder gehen. So freut sich nun sein direkter Nachfahre und Enkel in 7. Generation, Emmanuel Breguet, der seit 1993 den historischen Teil der Marke verantwortet. Beim gemeinsamen Mittagessen sprechen wir mit ihm über sein Buch „Breguet – Watchmakers since 1775: The Life and Legacy of Abraham-Louis Breguet“ und den enormen Fundus an alten Skizzen, Verträgen, persönlichen Notizen und Bildern. Nur der Erhalt dieser Zeitzeugen ermöglichte es ihm, die Firmengeschichte so detailliert zu rekonstruieren. Auch heute noch wird alles schriftlich dokumentiert, es ist nicht so, als traue Emmanuel Breguet der digitalen Technik nicht, aber das geschriebene Wort hat sich bereits in den letzten Jahrhunderten bewährt gemacht, das müsse die Digitalisierung erst mal nachmachen, betont er schmunzelnd. Doppelt hält eh besser und so wird also alles sowohl schriftlich und auch digital erfasst.

Stellt man sich abschließend die Frage, ob die Uhren maschinell oder per Hand gefertigt werden gibt es eine klare Antwort. Beides. Jede Uhr ist gewissermaßen ein Unikat, da die Veredelung ausschließlich per Hand erfolgt – zwar etwas akkurater als vor 200 Jahren, da Mikroskope und Computer den Kunsthandwerker zur Seite stehen, aber dennoch einzigartig. Der maschinelle Wandel der Zeit hilft auch dabei, dem Kunden präzisere Zeitmesser zu bieten. Gewisse Arbeitsschritte würden bei Breguet aber niemals von Maschinen ersetzt werden.

www.breguet.com




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