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Auf ein Lunch mit: Piaget CEO Chabi Nouri

Auf ein Lunch mit: Piaget CEO Chabi Nouri

Unser Gespräch mit Chabi Nouri fand bereits im Januar statt, also vor Corona und all dem, was danach kam. Damals hat uns ihre positive Sichtweise auf die Branche und Uhrmacherei sehr imponiert. Voller Begeisterung sprach sie über das reiche Erbe, das sie als CEO vor drei Jahren bei Piaget antreten durfte. Immerhin leitet Nouri ein Unternehmen, das nicht nur für ihre Haute Horlogerie geschätzt wird, sondern auch für ihre enorme Fertigungstiefe der Schmuckkreationen. Die Kombination aus Beidem ist das, was Piaget heutzutage zu einer fast einmaligen Manufaktur macht. Und die doch recht überschaubare Konkurrenz sitzt auch noch im selben Mutterkonzern, was Nouri aber nicht stört – ganz im Gegenteil, sie sieht es als Mehrwert für die eigene Kreativität. Und auch als wir durch die Umstände bedingt noch mal die eine oder andere Frage nachreichen mussten, hat sie ihre optimistische Einstellung trotz Krise nicht verloren.

1. Was bedeutet für Sie eine mechanische Uhr? Welche Uhr tragen Sie heute und welche Uhr tragen Sie am häufigsten?


Heutzutage bewegt sich alles so wahnsinnig schnell und das Leben ist nun mal nicht unendlich – mechanische Uhren hingegen überstehen die Zeit. Sie sind ein Symbol für das Wissen und die Handwerkskunst der Schweiz, wo die Uhrmacherei seit so vielen Jahrhunderten bereits Bestand hat. Und auf die Uhrmacherei sind in all den Jahren zahlreiche Innovationen zurückzuführen. Eine mechanische Uhr lässt sich an die nächste Generation vererben, sie kann für Gesprächsstoff sorgen und sie kann Erinnerungen an besondere Momente wecken.

Heute trage ich die Damenversion der Altiplano Automatic, ein neues Modell, das wir auf Basis der 900P entwickelt haben – ein Werk mit Handaufzug, das mit dem Gehäuse der Uhr verschmolzen ist. Wir wollten unbedingt eine Automatikversion entwickeln. Die Herausforderung lag aber darin, wo wir die Schwungmasse unterbringen würden, da Werk und Gehäuse miteinander verschmolzen sind. Wir haben uns dann für ein peripher gelagertes Schwungrad entschieden, das man sogar von der Zifferblattseite aus betrachten kann. Die Idee kam uns übrigens, als wir an der Altiplanto Concept Watch tüftelten, bei der wir möglichst viel Platz einsparen wollten. Und nachdem Frauen eher feine und flachere Uhren tragen, lag es auf der Hand, diese Methode auch in der Damenversion zu übernehmen.

Abgesehen von ihr trage ich auch unser Gala Limelight sehr gerne. Sie verkörpert einige der wichtigsten Merkmale von Piaget und zeigt die Kunstfertigkeit unserer Manufaktur. Zu besonderen Anlässen trage ich dann auch mal gerne mein Vintage Modell, eine Montres Piaget.

2. Was unterscheidet Piaget von anderen Manufakturen? Was sind die Meilensteine der Marke?


Die Geschichte von Piaget begann mit der Uhrmacherei. Anfangs schuf die Maison noch als Produzent und Lieferant Uhrwerke für viele Schweizer Marken, bis man sich 50 Jahre später dazu entschied, das Unternehmen zu registrieren und seine eigenen Uhren herzustellen. In den 1950er und 1960er Jahren spezialisierte man sich auf die Goldschmiede- und Uhrmacherkunst und das Edelsteinfassen. Piaget war zu dieser Zeit in Genf die größte Manufaktur für das Fassen von Edelsteinen und konnte auf diesem Gebiet die meiste Kompetenz vorweisen. Kurze Zeit später entschloss man sich, die Goldschmiede- und Uhrmacherkunst sowie die Edelsteinfassung zusammenzulegen.

Heute unterscheiden wir uns in erster Linie durch unsere Fertigungstiefe, da wir eine komplett integrierte Manufaktur haben. Das ist schon etwas ganz Besonderes, da wir von der Idee bis hin zur Entwicklung alle Schritte unter einem Dach haben. Die Manufaktur verfügt über eine eigene Goldschmiede – auch etwas, das nicht viele haben. Es bringt gewissermaßen eine Herausforderung mit sich, aber auch eine großartige Möglichkeit, mit Uhren und Schmuck gleichzeitig zu arbeiten.

3. Piaget ist nicht die einzige Marke in der Richemont-Gruppe, die Schmuck und Uhren herstellt. Cartier und Van Cleef & Arpels sind ziemlich starke Mitbewerber. Wie bewerten Sie die Tatsache, zwei konkurrierende Marken innerhalb der Gruppe zu haben?


Jeder hat seine individuelle Positionierung im Markt. Piaget kommt ursprünglich von der Uhrmacherseite. Wir unterscheiden uns alle durch unverwechselbare Eigenschaften und jeder hat sein eigenes Gebiet, auf dem er spezialisiert ist und das ihm seine Daseinsberechtigung in der Branche erlaubt. Gleichzeitig bereichern wir uns gegenseitig bei unserer Arbeit, da es uns kontinuierlich anspornt, innovativ und kreativ zu bleiben um eigenständige neue Produkte zu entwickeln. 

4. Sie haben soeben die neue Altiplano Ultimate Concept vorgestellt, die flachste mechanische Uhr der Welt. Sie wurde im Jahr 2018 als Konzeptuhr enthüllt. Warum hat es zwei weitere Jahre gedauert, sie in Serie zu produzieren? Was hat sich seitdem geändert?


Unser Team hat bereits vier Jahre lang am Prototyp gearbeitet, in denen viele der gängigen Uhrmachergesetze neu gedacht werden mussten. Das Team hat zwei weitere Jahre damit verbracht, Design und Technik zu perfektionieren, um die Uhr letztendlich produzieren zu können und in größerer Stückzahl ans Handgelenk zu bringen. Wir mussten neue Materialien einsetzen, um die Uhr überhaupt so flach zu bekommen. Statt Gold verwenden wir nun eine neue Legierung, die auf Kobalt basiert und 2.3-mal härter ist als Gold. Wir haben neue technische Ansätze erfunden, für die wir 5 Patente angemeldet haben. Die meisten Komponenten mussten komplett neu konstruiert und verkleinert werden. Das Federhaus hat weder eine Abdeckung, noch eine Trommel und ist auf ein einziges Kugellager aus Keramik angebracht, das sich innerhalb der Uhr befindet und dennoch eine Gangreserve von 40 Stunden aufweist. Das nahm viel Zeit, Perfektion, technische Finesse und die besten Uhrmacher die Sie sich vorstellen können in Anspruch.

– Die Altiplano wird unverwechselbar mit Piaget in Verbindung gebracht. Warum ist Piaget in Sammlerkreisen nicht wirklich allgegenwärtig?

Wie bereits erwähnt, haben wir zwar eine starke Positionierung innerhalb der Uhrmacherei. Aber in vielen Märkten können wir ein großes Interesse an Schmuckuhren verzeichnen – in manchen Märkten liegt der Fokus stärker auf Frauen, in anderen Märkten auf Männern. Und diese Modelle genießen nun mal in Sammlerkreisen nicht die größte Aufmerksamkeit. Die Nachfrage im Markt kann von uns sowohl im Bereich Uhren als auch mit Schmuck bedient werden. Wir können sowohl Haute Horlogerie bieten, als auch Haute Horlogerie kombiniert mit Schmuck und Edelsteinen – das macht Piaget aus. Viele unserer männlichen Kunden tragen einfach gerne Schmuckuhren. Wir sind unseren Wurzeln immer treu geblieben und mussten keinen Trends folgen, nur der Sammler wegen.

5. Kurz bevor Sie Anfang 2017 Ihre Position als CEO bei Piaget angetreten haben sagte Johann Rupert, Richemont Präsident, es brauche mehr Diversität bei Piaget. Was meinte er damit und inwiefern konnten Sie das bislang umsetzen?


Ich denke nicht, dass er das gesagt hat. Zumindest nicht im Zusammenhang mit Piaget. Wenn wir aber über Diversität sprechen, so ist es für Piaget extrem wichtig, da unsere Produkte so viele Menschen mit verschiedenen Hintergründen ansprechen. Und die Geschlechterfrage war sowieso nie ein großes Thema für Piaget, da wir schon immer eine gute Balance innerhalb des Unternehmens hatten – wir haben viele Frauen auf Führungsebene. Und die Hälfte unserer Kunden sind weiblich, daher ist es klar, dass wir divers denken. Die Führungsqualitäten der Person im Top Management ist viel entscheidender, als ob es eine Frau oder ein Mann ist.

6. Sie wurden in erster Linie eingestellt, um die Marke wieder auf Kurs zu bringen. Was musste sich ändern und warum waren Sie die richtige Person für den Job?


Die Marke ist niemals vom Kurs abgekommen. Wir haben uns in den letzten Jahrzenten sehr gut entwickelt. Als ich bei Piaget anfing bestand meine Aufgabe ausschließlich darin, die Geschichte und Philosophie der Maison zu verstehen. Ich habe intensiv recherchiert und verstanden, was die Marke in den vergangenen 150 Jahren ausgemacht hat. Mein Ziel ist es, diese Eigenschaften und Stärken aus der bemerkenswerten Geschichte zu extrahieren und weiterzuentwickeln, um Piaget heute und in Zukunft entsprechend zu präsentieren.

7. Als Uhrenmarke ist Piaget bekannt für seine extraflachen Modelle. Ist das auch heute noch ihr Hauptgeschäft, mit dem Sie Geld verdienen?


Die Altiplano ist definitiv eine unserer wichtigsten Uhren. Sie ist eine Ikone von Piaget, die 2017 ihren 60. Geburtstag feierte. 1960 entwickelten wir dann das Werk 12P. Es war damals das flachste Automatikwerk der Welt. Alle unsere Werke heute basieren auf diesem Werk. Die Altiplano war und ist die originale Piaget Uhr. Wussten Sie, dass Piaget in ihrer Uhrmachergeschichte 35 Extra-flache Kaliber entwickelte und damit 20 Rekorde für sich in Anspruch nehmen kann? Und wir sind stolz darauf, dass wir das alles in unserer eigenen Manufaktur bewerkstelligen konnten.

8. Piaget hat sich über die vielen Jahrzehnte einen loyalen Kundenstamm erarbeitet. Was können Sie von der neuen Generation, den Millennials lernen? Was sind ihre Bedürfnisse?


Piaget war 2012 eine der ersten Luxus-Marken, die online Uhren verkauft hat. Viele unserer Mitarbeiter bei Piaget sind sehr jung, wir mussten uns nie großartig umstellen, es entwickelte sich ganz natürlich. Wir waren auch die erste Marke, die eine Zusammenarbeit mit Net-a-Porter bekannt gab. Die Digitalisierung war niemals eine Barriere für uns. Wir müssen allerdings kontinuierlich daran arbeiten, dass wir der jüngeren Generation den Reichtum unserer Branche vermitteln, damit sie die Uhrmacherei mit all ihrer Schönheit versteht und auch zu schätzen weiß. Heutzutage sucht jeder nach Exklusivität, nach etwas Persönlichem und nach einer überzeugenden Geschichte und das müssen wir weiterhin kommunizieren.

9. War die Einführung der Polo S in Stahl eine Konsequenz der Nachfrage im Markt oder eine reine interne Entscheidung, auch Stahlmodelle ins Sortiment aufzunehmen?


Der Großteil unserer Uhren besteht aus Gold. Die Polo ist lediglich eine Weiterentwicklung der Emperador – sie besitzt dieselbe Gehäuseform. Wir wollten die Emperador mit einem alltagstauglicheren Modell ergänzen. Die Linie verfügt über das höchste Maß an uhrmacherischer Finesse und wir haben überlegt, wie wir die Line erweitern können. Sie entstand aus einer Kombination aus Nachfrage, Weiterentwicklung und unserem Anspruch, eine alltagstauglichere Uhr in unser Sortiment aufzunehmen.

– Wird es in Zukunft vermehrt Stahlmodelle bei Piaget geben?

Das ist nicht unser Kerngeschäft und wir haben hierfür auch keine wirklich relevante Position im Markt. Aber wenn wir Stahl verwenden ist es wichtig, dass wir es auf dieselbe Art und Weise behandeln wie Gold, um die zeitlose Eleganz von Piaget zum Ausdruck zu bringen. Dann gibt es auch keine Regeln oder Grenzen, was in Zukunft kommen kann.

10. Fragen Sie ab und an Ihren Mann nach Rat, wenn es um das Design einer neuen Herrenuhr oder Linie geht?


Nicht nur mein eigener Mann, sondern auch viele andere Männer und Frauen gleichermaßen begutachten unsere neuen Designs und Prototypen. Und die erste Frage die wir uns immer stellen ist, wie sehr ist es eine Piaget Uhr. Kann man sie als Piaget Uhr identifizieren, wäre kein Name auf ihr zu finden? Das ist unsere Herangehensweise bei neuen Modellen. Und natürlich lege ich dabei auch auf die Meinung von meinem Mann Wert.

11. In Deutschland ist Piaget neben dem Onlineshop ausschließlich beim Konzessionär erhältlich. Gehören eigene Boutiquen auch hierzulande zur zukünftigen Strategie, um näher am Kunden zu sein?


Wir haben 119 Boutiquen und 300 Verkaufspunkte weltweit. Wir haben eine sehr gute Balance was unser Vertriebsnetz rund um den Erdball betrifft. Piaget hat schon früh sehr schnell neue Märkte erschlossen. In den 1960er Jahren waren wir die ersten im Mittleren Osten – es folgten Amerika und Japan. Momentan planen wir keine eigene Boutique in Deutschland, da unsere Vertriebspartner hierzulande sehr eng mit uns arbeiten. Und wir pflegen diese Partnerschaften sehr sorgfältig und schauen immer, wie wir sie weiter ausbauen können.

12. Wie wird sich Ihrer Meinung nach die Uhrenbranche nach der Krise entwickeln? Welche Lehren haben Sie daraus für die Zukunft von Piaget ziehen können?


Ich glaube, dass man immer auch etwas Positives aus einer schweren und herausfordernden Zeit mitnehmen kann. Wir haben immer einen Weg gefunden, wie wir leben, arbeiten, standhaft und kreativ bleiben und uns gegenseitig unterstützen.

Wir mussten uns schnell umstellen, als die Watches & Wonders Uhrenmesse abgesagt wurde. Aber die FHH hat eine wunderbare digitale Plattform ins Leben gerufen, die es uns ermöglicht weiterhin mit Journalisten, Händlern, Uhren Liebhabern und einem breiten Publikum im Kontakt zu bleiben. Hierüber konnten sich Journalisten, Händler und die Öffentlichkeit in Ruhe unsere Neuheiten ansehen. Auch wenn es nicht den persönlichen Kontakt ersetzen kann, es ist ein toller neuer Weg, unsere Leidenschaft für Uhren, unsere Geschichten, unser Wissen, unsere Innovationen und Neuheiten zu teilen.

www.piaget.de


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