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Auf ein Lunch mit: Piaget CEO Benjamin Comar

Auf ein Lunch mit: Piaget CEO Benjamin Comar

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Benjamin Comar ist seit 2021 CEO von Piaget und verantwortet nicht nur eine ganze Reihe hochkomplexer Uhren, sondern auch extravaganten Schmuck. Denn obwohl die Manufaktur ursprünglich als Lieferant für Uhrwerke startete, wollte man Mitte des 20. Jahrhunderts seine Expertise auf weitere Bereiche ausweiten. Für Comar war es Yves Piaget, der in den 1950er Jahren seine Kreationen in die schicke und mondäne Gesellschaft einführte und die Marke mit seinem einzigartigen Lifestyle zu dem führte, was sie heute noch so besonders macht. Dass Comar der richtige Mann ist, das Erbe erfolgreich in ein neues Zeitalter weiterzuführen, zeigt sich an seinem Lebenslauf. Seit über 25 Jahren ist Comar in der Luxusindustrie für Uhren und Schmuck tätig. Wir trafen den CEO in der Manufaktur in Plan-les-Ouates zum Lunch, unweit von Genf, wo Piaget seine Schmuckateliers betreibt und durften allerhand wissenswertes erfahren.

1. Was bedeutet für Sie eine mechanische Uhr? Welche Uhr tragen Sie heute und welche Uhr tragen Sie am häufigsten?


Mechanische Uhren sind Teil einer wunderbaren Welt, denn sie beruhen auf der Mikromechanik. Trotz all der Technologie, die es heute gibt, haben wir immer noch die Tradition beibehalten, die Zeit durch mechanische Uhrwerke anzuzeigen, die hier in der Schweiz von Hand gefertigt werden. Das ist der Zauber von mechanischen Uhren, wenn man Traditionen und das Erbe gut pflegt.

Heute trage ich die neue Piaget Polo Date Black aus Stahl mit Kautschukarmband, die wir dieses Jahr auf der Watches & Wonders vorgestellt haben und die bereits sehr gefragt ist. Es gibt zwei Uhren, die ich tatsächlich am häufigsten trage: die Altiplano Ultimate Automatic und die Piaget Polo Skeleton. Sie vereint zwei für Piaget typische Eigenschaften: das ultraflache Uhrwerk, für das wir bekannt sind, und die skelettierte Architektur. Ich trage meistens das blaue Modell der Piaget Polo, aber es gibt auch eine grüne Version, die wir gerade eingeführt haben. Die Piaget Polo wurde 1979 ursprünglich für den amerikanischen Markt entwickelt. Ich denke, dass sie im Laufe der Jahre nicht die Aufmerksamkeit erhalten hat, die sie verdient, und wir sind froh, dass sie wieder da ist – und die Kunden lieben sie.

Piaget Polo Date Black

2. Piaget startete 1874 als Lieferant für Uhrwerke, dann kamen Armbänder und Taschenuhren sowie Luxusarmbanduhren dazu. Seit Mitte des 20. Jahrhundert stellt Piaget auch Schmuck her. Ist die Maison Piaget Uhrmacher oder Schmuckhersteller?


Ursprünglich war Piaget eine Uhrenmanufaktur, aber wir haben die Marke dann schnell auf den Schmuckbereich ausgeweitet. Das Beherrschen der Uhrmacherei hat unsere Kreativität weiter beflügelt, und so haben wir uns entschlossen, unser Feld auf Schmuck auszuweiten. Ich denke, dass wir weltweit als eine sehr luxuriöse, prestigeträchtige Marke bekannt sind, daher war es mutig, diesen Schritt zu wagen. Zu jener Zeit war es in Genf ziemlich einzigartig, extravagante Uhren mit farbigen Zifferblättern und Edelsteinen zu kreieren; die Marken waren damals eher klassisch orientiert. Bei unserem ersten Treffen erwähnte ich Herrn Piaget gegenüber, dass es viel Mut erfordert, eine Uhren- und Schmuckmarke wie Piaget zu gründen, und er sagte mir: „Ich wollte anders sein“. Ich denke, das ist auch heute noch die Kultur im Unternehmen. Wir sind großartige Uhrmacher und auch großartige Juweliere.

3. Die Wurzeln von Piaget liegen in La Côte-aux-Fées, im Schweizer Jura. 2001 wurde eine zweite Manufaktur in Plan-les-Ouates in der Nähe von Genf eröffnet. Worin unterscheiden sich die beiden Standorte?


La Côte-aux-Fées steht für zwei Werte: Extravaganz und Eleganz. Hier stellen wir die Uhrwerke her, haben die ultradünne Technologie, die Altiplano Ultimate Concept. Wir haben das Gebäude erweitert, um mehr Platz zu haben, wo wir nun alle unsere Produkte herstellen können. In Plan-les-Ouates haben wir unsere Ateliers, in denen wir unseren Schmuck kreieren und herstellen.

4. Nach Stationen bei Cartier, Chanel und Repossi liegt Ihre Expertise ganz klar in der Schmuckindustrie. Wie groß war Ihre Leidenschaft für Uhren vor Ihrem Antritt als CEO bei Piaget?


Ich habe schon immer Uhren geliebt, wie die meisten Männer (lacht). Bei Cartier war ich Marketingdirektor, also für Schmuck und Uhren zuständig. Und während meiner Zeit bei Chanel war ich für die High Jewellery Uhren zuständig. Ich war also immer in der Welt der Uhren unterwegs. Ich sammle auch selbst seit vielen Jahren Uhren – nicht viele, aber ein paar.

5. Ihre Vorgängerin Chabi Nouri etablierte 2017 erstmals eine E-Commerce Plattform in den USA. Wie hat es sich seither entwickelt?


Seitdem haben wir E-Commerce-Plattformen in China und Europa, auch in Deutschland, eingeführt. Das ist sehr wichtig und gibt uns Freiheit. Ich mag das System, weil es dem Kunden ermöglicht, rund um die Uhr nach Uhren zu suchen – wenn man möchte nachts um 12 Uhr in seiner Küche. Es ist ein sehr komplementäres Netzwerk für uns, das wir in unserem Einzelhandelsportfolio haben.

Wie reagieren Ihre Handelspartner auf Ihre Expansionspläne im E-Commerce?

Wir behandeln unsere Einzelhändler als Partner. 95 % unseres Sortiments ist sowohl bei unseren Partnern als auch in unserem E-Commerce erhältlich. Es gibt keinen Konflikt, und jeder könnte eigentlich alles verkaufen, was er will – aber wir wollen den Einzelhandel auch nicht überfordern.

6. Piaget verkauft seine Uhren seit einigen Jahren auch über Net-A-Porter und Mr Porter. Hat dieser – für eine Luxusuhrenmarke frühe Einstieg ins E-Commerce Geschäft – auch die Marke durch die Pandemie gerettet?


Ich denke, dass die Marke während der Pandemie vor allem dank der enormen Anstrengungen unseres Teams gerettet wurde. Unser Verkaufsteam pflegte stets einen sehr engen persönlichen Kontakt mit unseren Kunden: per Email, per Telefon, per Zoom. Aber im Allgemeinen hat die Kultur des Online-Kaufs von Luxusgütern in dieser Zeit enorm zugenommen, so dass uns unsere gut etablierten E-Commerce-Kanäle natürlich auch geholfen haben.

7. Sie arbeiten seit über 25 Jahren in der Luxusindustrie bei Richemont. Wie hat sich die Kundschaft und ihr Kaufverhalten verändert?


Erstens ist der Wissensstand der Kunden vor allem dank des Internets enorm gestiegen. Die Menschen suchen nach einem hohen Maß an Authentizität und sind gleichzeitig etwas lockerer geworden, wenn es um den Kauf geht. Früher war der Kauf sehr kodiert: Geburtstage, Hochzeiten – die Menschen schienen nur zu besonderen Anlässen zu kaufen. Heutzutage brauchen die Menschen keinen besonderen Anlass mehr. Der Kauf von Luxus ist zwangloser geworden, und deshalb verkaufen wir inzwischen auch mehr Sportuhren – unsere größte Linie ist heute sogar die Piaget Polo.

Apropos Polo: Wie schätzen Sie den Trend mit sportlich-eleganten Uhren ein? Ist es eine Modeerscheinung oder glauben Sie langfristig daran?

Ich glaube an einen langfristigen Trend. Natürlich werden klassische Uhren immer begehrt sein. Aber wer hätte vor 15 Jahren gedacht, dass Chanel mit dem Verkauf von Sneakers so erfolgreich sein würde? Es gibt heute keine einzige Luxusmarke, die keine Turnschuhe anbietet. Es ist allgemein etwas legerer geworden, so dass der Stellenwert von Sportprodukten in der Mode und bei Luxusgütern zunimmt.

8. Yves Piaget, der Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel von Gründer Georges-Édouard Piaget, hat die Marke vermutlich am meisten geprägt, so wie wir sie heute kennen. Würden Sie dem zustimmen?


Dem kann ich nur zustimmen. Yves Piaget prägte die Marke mit den Grundprinzipien der Extravaganz und Eleganz – die ich gerne „Extraleganza“ nenne – und seinen Sinn dafür, Freude zu teilen. Das sind Werte, die Yves Piaget in den 1950er Jahren mit ins Unternehmen gebracht hat. Als ich ihn zum ersten Mal traf fragte ich ihn, wie er Piaget erklären würde. Und er sagte: „Piaget ist sehr einfach – Piaget ist von La Côte-aux-Fées bis La Côte d’Azur.“ Er bezog sich auf die sehr schicke, elegante und mondäne Bevölkerung von der Côte d’Azur an der französischen Riviera – markant, wagemutig, ausdrucksstark. Und das erklärt alles, was Piaget heute noch ist.

Yves Piaget hat gerade seinen 80. Geburtstag gefeiert. Stehen Sie noch im regelmäßigen Austausch?

Ja, er ist immer noch ein Berater für uns. Er hat hier sein Büro und schaut immer noch alle paar Monate rein. Wir haben sogar seinen 80. Geburtstag hier zusammen gefeiert und ihm eine ganz besondere Uhr geschenkt, die er sich schon lange gewünscht hatte.

9. Mit der Altiplano und ihrem ultraflachen Uhrwerk hat Piaget schon einige Weltrekorde aufgestellt, die inzwischen von der Konkurrenz wieder überboten wurden. Sehen Sie es sportlich?


Darüber bin ich sehr froh, sonst würden wir uns alleine fühlen! Es öffnet den Markt und lenkt mehr Aufmerksamkeit auf ein Thema, von dem wir alle profitieren. Außerdem haben wir den Weg für ultraflache Uhrwerke schon lange geebnet.

Haben Sie Richard Mille‘s RM UP-01 Ferrari kommen sehen? Sonst war Bulgari immer ihr größter Konkurrent in Sachen ultraflache Uhrwerke.

Um ehrlich zu sein, hätte ich das nicht von Richard Mille erwartet. Aber es ist eine ganz andere Uhr und ein ganz anderer Markt. Wir gelten immer noch als die Eleganten in diesem Bereich.

10. Die Altiplano Ultimate Concept kostet über 400.000 Euro. Wer sind die Käufer des Modells?


Wir haben eine Menge Sammler. Es gibt eine Warteliste von etwa einem Jahr, um die Uhr zu bekommen. Man kann die Uhr individuell gestalten, so dass sie schon eher für Sammler geeignet ist. Wir haben Kunden, die sich ein Datum und einen Ort aussuchen, der für sie eine besondere Bedeutung hat – zum Beispiel ihre Hochzeit oder die Geburt ihrer Kinder – und wir stellen den Nachthimmel mit den Sternen auf dem Zifferblatt dar, der genau zeigt, wie er zu diesem bestimmten Datum und an diesem Ort aussah.

11. Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen Sie bei der Entwicklung, Produktion und Aftersales bei den ultraflachen Uhren der Altiplano Linie? Aber auch den Polo Skeleton und komplizierten traditionellen Polo Modellen wie z.B. mit Minutenrepetition?


Die Herausforderung ist die Zeit. Die Entwicklungszeit für eine Uhr beträgt fünf bis sechs Jahre. Wenn man eine Idee hat, weiß man, dass es etwa fünf Jahre dauern wird, bis sie marktreif ist. Das ist eine lange Zeit. In dieser Welt, in der alles so schnell geht, kommt es darauf an, die Zeit wirklich zu beherrschen. Man muss sich die Zeit nehmen, die für die Entwicklung notwendig ist um die Qualität zu gewährleisten. Und was die Qualität angeht, so folgen wir stets unserem Motto „immer besser als nötig“. Ich hoffe, wir werden uns das auch weiterhin zu Herzen nehmen, denn die Menschen werden es respektieren und erkennen, dass es Teil des Zaubers der mechanischen Uhrmacherei ist.

In welchen Bereichen hat Piaget noch Nachholbedarf?

Wir haben Nachholbedarf in der Art und Weise, wie wir Dinge kommunizieren. Wir haben großartige Produkte, wir haben großartige Vertriebsmitarbeiter, wir haben großartige Uhrmacher. Das müssen wir unbedingt mit der ganzen Welt teilen.

12. In welche Richtung bewegt sich Ihrer Meinung nach die Uhrenindustrie?


Ich glaube, dass die Handwerkskunst weiterhin die treibende Kraft unserer Branche sein und sogar noch an Bedeutung gewinnen wird. Als die Quarzkrise die traditionelle Uhrenindustrie traf, dachten alle, dass sie keine Zukunft haben würde. Wir haben bewiesen, dass dies nicht der Fall ist. Das Gleiche geschah in den letzten Jahren mit der neuen Ära der Smart Watches. Sie hat die mechanische Uhrenindustrie nicht wirklich beeinträchtigt. Was mir an der Luxusindustrie gefällt, ist, dass die Menschen sehr kreativ und innovativ sind, aber dennoch einen Sinn für Tradition haben, um unser Erbe zu bewahren. Das ist genau das, was unsere Kunden an uns schätzen.


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