Jede Uhr kann die Zeit anzeigen. Welcher Zeitmesser einen anspricht – und somit weit mehr als nur das Handgelenk berührt – ist ungleich komplexer. Da geht es dann darum, was die Uhr in einem auslöst. Wie man sich mit ihr fühlt. Ob sie zur Persönlichkeit passt. Oder auch: Wozu sie einen macht. 

Als Chris Grainger-Herr, der CEO von IWC, die neue Pilot’s Venturer Vertival Drive einem ausgewählten Publikum vorab vorstellt, steht er im Kommandostand des Raumfahrt-Start-Ups Vast im kalifornischen Long Beach. Vor sich dutzende Arbeitsplätze mit Monitoren, hinter sich riesige Bildschirme, auf denen nicht weniger als die nächste Stufe der Erschließung des Weltraumes begleitet und kontrolliert werden soll. Der Gast fühlt sich wie in einem Film-Set, irgendwo zwischen der Aufbruchstimmung aus „To The Moon“ und aus Filmen wie „Gravity“ bekannten Abenteuer All. 

Aber das hier ist Realität, und ebenso ist es die Pilot’s Venturer, die Grainger-Herr selbstbewusst präsentiert: „Dies ist die erste Uhr überhaupt, die nicht eine Variante eines ursprünglich für andere Zwecke konstruierten Zeitmessers ist, sondern eine Uhr, die von Anfang an nach den Ansprüchen der modernen Raumfahrt und für das kommende Weltraumzeitalter konzipiert wurde.“ Es ist eine Uhr für Astronauten, und damit auch für all jene, die beim Anblick eines Sternenhimmels Fernweh verspüren – oder sich zumindest für das Leben und Forschen dort weit über uns begeistern.

IWC und Vast: Eine strategische Partnerschaft

IWC ist in der Welt der Raumfahrt dabei kein kompletter Neuling. Die Polaris-Dawn-Mission beispielsweise stattete man bereits mit Flieger-Chronographen aus weißer Keramik aus. Doch die Zusammenarbeit mit Vast, und die daraus entstandene Venturer, ist etwas ganz Besonderes. Das vom Blockchain-Milliardär Jed McCaleb vor rund fünf Jahren gegründete Unternehmen will im Wettkampf um die privatwirtschaftliche Erschließung des Alls ganz weit vorn dabei sein. Man konkurriert mit Unternehmen wie Blue Origin von Amazon-Gründer Jeff Bezos und Voyager Space, wo man mit Airbus zusammenarbeitet.

Der Hintergrund: Bislang betrieb die NASA gemeinsam mit Europa, Russland, Japan und Kanada die Internationale Raumstation (ISS). Das 450 Tonnen schwere Forschungslabor gut 400 Kilometer über der Erde ist inzwischen am Ende seines Nutzungszyklus angekommen, und soll 2030 kontrolliert abstürzen. Statt erneut mit anderen Ländern ein vergleichbares Gemeinschaftsprojekt zu finanzieren will die NASA künftig verstärkt auf die Dienste von privaten Anbietern zurückgreifen und die Raumfahrt kommerzialisieren. Vast – der Name verweist auf die unendlichen Weiten und Möglichkeiten des Alls – möchte dann mit seinen bis dahin entwickelten Weltraumhabitaten zum attraktiven Partner von Regierungen, Unternehmen und schwervermögenden Weltraumtouristen werden. „Haven-1“, ein Zehn-Meter-Modul für vier Passagiere soll nächstes Jahr die Machbarkeit belegen, auf sie soll dann „Haven-2“ als größere Raumstation mit mehreren aneinander andockbaren Modulen folgen. Die konkreten Preise für zehn Tage in der Kapsel sind geheim, sollen aber dutzende Millionen Euro betragen. Schließlich ist McCaleb bereit bis zu einer Milliarde Dollar seines Vermögens in das Start-Up zu investieren, das inzwischen mehr als 1000 Menschen beschäftigt. Dazu will er hunderte Millionen von anderen Investoren einsammeln. IWC ist seit vergangenem Jahr der offizielle Zeitnehmer und strategische Partner bei dieser Mission.

Eine GMT-Uhr für Astronauten

Erstes kommerzielles Ergebnis dieser Partnerschaft für IWC ist die Pilot’s Venturer Vertival Drive, kurz „Venturer“, was sich in „Abenteurer“ übersetzt. Sie ist zwar Teil der „Pilot’s Watches“-Kollektion, geht optisch und technisch aber komplett neue Wege. Das 44-Millimeter-Modell aus weißer Keramik und dem IWC-Werkstoff Ceratanium verzichtet auf die klassische Krone und wird stattdessen über einen Schieber am linken Gehäuserand sowie die Lünette mit Hilfe einer vertikalen Kupplung gestellt. Angetrieben wird die Venturer vom neuen Automatik-Kaliber 32722 mit 120 Stunden Gangreserve und integriertem GMT-Modul. Mithilfe des Schiebers soll es den Astronauten auch möglich sein, die Uhr mit Handschuhen auch während Weltraumspaziergängen außerhalb der Forschungsstation zu stellen. Wenn nötig können sie via Lünette das Werk aufziehen – IWC spricht deshalb von einem „hybriden“ Aufzugssystem der Automatikuhr – oder aber die verschiedenen Zeitzonen zu justieren. 

Christian Knoop, der Chief Design Officer von IWC, ist aus gutem Grund stolz auf die sicherlich außergewöhnlichste Schaffhausener Neuheit des Jahres. Als Gestalter konnte er sich bei diesem Modell weitestgehend frei von den historischen Design-Codes der Marke bewegen, stattdessen galt es in Zusammenarbeit mit den Astronauten von Vast die perfekte Uhr fürs All zu gestalten. Bei der Gestaltung spielte er geschmackvoll mit dem harten Kontrast von weißer Keramik und mattschwarzem Zifferblatt, ergänzt durch leuchtend blaue Akzenten. Auf die Krone wurde verzichtet, damit im schwerelosen Zustand niemand mit der Uhr irgendwo hängenbleiben kann. Die GMT-Funktion wurde gewählt, damit die Astronauten bei 16 Sonnenauf- und Untergängen innerhalb von 24 Stunden weder Zeit- noch Heimatgefühl verlieren. Die weiße Keramik ist unterdes besonders robust und unempfindlich, auch bei großen Temperaturschwankungen. Die Uhr wurde von den Wissenschaftlern bei Vast auf ihre Verlässlichkeit bei Druckveränderungen und unter heftigen Vibrationen getestet. Auch wurde berücksichtigt, dass die Materialien der Uhr mit den für das Innenleben der Raumstation gewählten Materialien harmoniert. Das Saphirglas wölbt sich dabei über dem Zifferblatt wie eine Kuppel. 

Ohne Zweifel unterscheidet sich die minimalistische IWC fürs All damit grundlegend von der Omega Speedmaster „Moonwatch“, dem Chronographen der 1965 von der NASA für Einsätze in unbekannten Welten zertifiziert wurde. Seit eine Speedmaster bei der sicheren Heimkehr von Apollo 13 im Jahr 1970 eine wesentliche Rolle bei der Messung einer 14-Sekunden-Zündung spielte, galt deren Stopfunktion als Astronauten-Rüstzeug schlechthin. Doch so wie das Innendesign der Vast Haven-2 eine neue Ära des Lebens über der Erde eröffnen soll, so bricht die Venturer mit den vom Mitbewerber geprägten Bild einer Uhr für Astronauten.

Best-Seller oder Special Interest-Modell?

Bei IWC ist den Verantwortlichen sehr bewusst, dass diese Neuigkeit für kontroverse Meinungen sorgen wird. Franziska Gsell, die das Marketing des Hauses verantwortet, sagt: „Die neue Venturer und die Vast-Kooperation zeigen für mich ganz stark, wie wir als Marke und Unternehmen sind, weil wir den Mut für so eine Neuheit haben. Die Uhr ist sehr futuristisch, und hat eine ganz neue Designsprache, mit der unser Chefdesigner Christian Knoop das Weltall und alles, was es an Emotionen mit sich bringt, in einer Uhr ausdrückt. Das ist spannend, denn letztlich mag man dieses Design, oder eben nicht. Solche Neuheiten lösen Diskussionen aus, und eine weitere klassische Pilotenuhr wäre sicherlich der sicherere Weg. Aber das provokative Element, das sich in unserer Vast-Partnerschaft ausdrückt, passt einfach gut zu uns.“ 

Oft fremdelt die Uhrenwelt mit ihren vielen Traditionen und Gewohnheiten mit dem Ungewohnten – erst recht bei einer Marke wie IWC, die sich in fast 160 Jahren einen Platz an der Spitze der Branche erarbeitet hat. Die Kundschaft denkt bei ihr zunächst an Portugieser und Ingenieur, an Big Pilot und Portofino – allesamt Klassiker der horologischen Welt. Doch ohne Wagemut schafft es niemand so weit. Gleichzeitig gilt es das kommerzielle Potenzial eines Zeitmessers zu beurteilen. 

Wie groß also ist der Hype-Faktor der Venturer? Die hier gezeigten Aufnahmen ermöglichen es einem jeden, ein erstes Urteil zu fällen. Von der Präsentation in Long Beach soll zudem diese persönliche Betrachtung hinzugefügt werden: Vor dem Besuch bei Vast hatte die IWC-Mannschaft bereits die anderen Neuheiten des Jahres gezeigt, und die Big Pilot’s Modelle mit dem neuen Pro-Set Kaliber für Ewige Kalender waren aus dieser Vorschau als uhrmacherische Show-Stopper hervorgegangen. Doch dann kam Long Beach und der Besuch in einem Unternehmen, das sich gefühlt an der Umsetzung von Unmöglichem abarbeitet, und Chris Grainger-Herr mit dieser Uhr, die nicht nur eine besondere Geschichte erzählt, sondern zum Träumen anregt.

Trotz GMT-Funktion ist sie sicherlich kein Modell für den Alltag. Eher die Zweit- oder Dritt-IWC. Wegen der fehlenden Krone und der fließenden Übergänge von Gehäuse zu Armband trägt sie sich kleiner als die schieren Maße es nahelegen, ist aber alles andere als eine kleine Uhr. Mit xxxxx Euro ist sie zudem kein Einstiegsmodell in die Schaffhausener Markenwelt. Die weiße Keramik fällt auf. Die Venturer ist ein „Talking Piece“, ein Design-Objekt am Handgelenk, pur in der Gestaltung, opulent in der Symbolik. Gebaut für die Raumfahrt, ebenso Zuhause auf einem unserer sieben Kontinente, getragen zu Shirt und Jeans statt Space-Suit.

In meinen Augen ist es eine der bemerkenswertesten Neuheiten des Jahres, die obendrein nur in überschaubaren Stückzahlen produziert werden wird. Dem Vernehmen nach gibt es bei IWC offiziell limitierte Modelle mit deutlich höherer Produktion. Die Venturer ist somit ein Zeitmesser, deren Anblick trotz größter Strahlkraft somit selten bleiben wird – so wie auch die leuchtendsten Sterne nicht immer und vor allem nicht überall von der Erde aus gesehen werden. Sie ist eine mutige Uhr. Die Astronauten von Vast bekommen eine Variante mit extralangem orangefarbenem Armband, die sie dann über ihren Raumanzügen tragen können. Uns Sofa-Abenteurern unten auf der Erde wird die Weiße Version aber mehr als reichen.


iwc.com

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