Sehr flache Werke stellen zwar keine Komplikation im herkömmlichen Sinn dar, weil sie keine Zusatzfunktion bieten, sie erfordern aber einen ähnlichen Aufwand bei der Konstruktion und Herstellung. Die Entwicklung des neuen Kalibers 2550 hat bei Vacheron Constantin dann auch sieben Jahre in Anspruch genommen. Mit einer Höhe von 2,4 Millimetern gehört es zu den flachsten Automatikwerken der Welt. Dabei bietet es mit 80 Stunden Gangreserve einen großen Energiespeicher. Möglich wird dies durch den Aufzug über einen platzsparenden Mikrorotor, ein innovatives fliegend gelagertes Doppelfederhaus und ein teils ebenfalls fliegend gelagertes Räderwerk.

Vacheron Constantin hat in seiner Geschichte einige Erfahrung mit flachen Werken. So baute die Manufaktur 1931 eine Taschenuhr, deren Werk nur 0,94 mm hoch war. Auch das flachste Armbanduhrwerk konnten die Genfer 1955 realisieren: Das Handaufzugskaliber 1003 war 1,64 Millimeter dünn.

Overseas Automatik Extra-Flach

Das neu entwickelte Werk erlaubt eine Gesamthöhe der Uhr von lediglich 7,35 Millimetern. Damit ist sie die flachste Overseas aller Zeiten. Mit einem Durchmesser von 39,5 Millimetern liegt das Modell für eine Uhr mit integriertem Metallarmband im mittleren Bereich. Zum ersten Mal setzt Vacheron Constantin bei der Overseas auf ein Gehäuse aus Platin. Die seltene 950er-Platin-Legierung besteht aus 95 % Platin und 5 % Kupfer und Gallium. Durch diese Zusätze entsteht ein Material, das 2,7-mal härter ist als gängige 950er-Platin-Legierungen. Das sorgt für weniger Kratzer auf dem sonst recht weichen Edelmetall.

Wie wir es von der Overseas-Linie kennen, nehmen die Lünette und das Band Designelemente des Malteserkreuzes auf. Das Symbol ist seit 1880 das Logo der 1755 gegründeten Manufaktur. Ein Schnellwechselsystem erlaubt es, die drei mitgelieferten Bänder ohne Werkzeug zu tauschen. Wie immer kommt die Overseas mit drei Bändern: dem Platinband, einem beigefarbenen Kautschukband und einem dunkelbeigen Alligatorband. 

Die Genfer kombinieren das Platingehäuse mit einem lachsfarbenen Zifferblatt mit Sonnenschliff. Schon in den 1940er-Jahren war diese Zifferblattfarbe bei Vacheron Constantin typisch für Platinmodelle. Das Gehäuse ist bis 50 Meter wasserdicht und erlaubt durch den Saphirglasboden, das neue Kaliber 2550 mit Mikrorotor zu betrachten.

Kaliber 2550

Das neu entwickelte Werk ersetzt das von Jaeger-LeCoultre 1967 für Vacheron Constantin und andere entwickelte Kaliber 1120. Mit 2,4 Millimetern ist das neue Kaliber 0,05 Millimeter flacher. Zudem oszilliert die Unruh mit 21.600 Halbschwingungen pro Stunde zumindest etwas schneller als die 19.800 A/h des alten Werks, was die Ganggenauigkeit verbessern dürfte. Vor allem konnte Vacheron Constantin die Gangreserve auf 80 Stunden verdoppeln. 

Das Kaliber 2550 kommt also trotz der geringeren Höhe deutlich leistungsfähiger daher. Etwas Platz konnte die Manufaktur zwar durch den um 2,6 Millimeter auf 30,6 Millimeter vergrößerten Durchmesser gewinnen, aber ohne Innovationen und mechanische Tricks waren die ambitionierten Ziele bei der Gangreserve in dem flachen Werk nicht zu erreichen. 

Um die Bauhöhe gering zu halten, sind zwei der fünf Räder des Räderwerks fliegend, also nur auf einer Seite, gelagert. Kugellager sorgen dafür, die Hebelkräfte zu eliminieren, die sonst bei dieser Lagerung entstehen können. Der Mikrorotor hilft ebenfalls, Platz einzusparen: Er baut mit seinem 15,5 Millimeter großen Platinrotor trotzdem genügend Drehmoment auf, um beidseitig aufziehend die Aufzugsfeder schnell zu spannen. 

Eine echte Innovation stellt das fliegend gelagerte Doppelfederhaus dar: Zwei übereinander angeordnete Federhäuser drehen sich auf einer gemeinsamen Achse, die in der Federhausbrücke gelagert ist. Durch die serielle Anordnung der übereinander gestapelten Federhäuser mit entgegengesetzter Ausrichtung konnte einer der Federhausdeckel entfallen, was wesentlich zur schlanken Bauweise des Werks beiträgt. Da das Aufzugsdrehmoment direkt auf das obere Federhaus übertragen wird, während das untere Federhaus die Energie an das Räderwerk abgibt, konnte auch das Sperrrad eingespart werden. 

Obwohl die beiden Federhäuser übereinander positioniert sind, arbeiten sie seriell und sind über ihre Federhauswellen miteinander gekoppelt. Diese Konfiguration gewährleistet ein gleichmäßiges Drehmoment und damit eine gleichbleibende Ganggenauigkeit. 

Dabei hilft auch die freischwingende rückerlose Unruh. Sie kann über Exzentergewichte auf dem Unruhreif feinreguliert werden. Das Werk trägt das Genfer Siegel, was erstens garantiert, dass Herstellung, Montage und Regulierung im Kanton Genf erfolgen. Zweitens werden bestimmte Vorgaben für Wasserdichtigkeit, Gangreserve und Ganggenauigkeit gefordert. Und drittens stellt das Siegel hohe Anforderungen an Konstruktion und Verzierung. 

Entsprechend dekoriert Vacheron Constantin die Platine mit Perlierung, versieht die Brücken mit Genfer Streifen, angliert und poliert die Kanten und verziert die Räder mit einem Sonnenschliff, während das Federhaus einen gedrehten Sonnenschliff bekommt. Der Mikrorotor erhält eine gravierte Windrose, die für den Entdeckergeist der Overseas-Linie steht.

Abschied vom legendären Kaliber 1120

Das neue Kaliber 2550 ist also deutlich leistungsfähiger und die doppelte Gangreserve werden die Träger der Overseas Automatik Extra-Flach zu schätzen wissen. Etwas Wehmut schwingt aber auch mit, denn mit Vacheron Constantin verabschiedet sich nun auch die letzte große Manufaktur von dem legendären Kaliber 1120

Das Werk wurde 1967 von Jaeger-LeCoultre unter dem internen Namen 920 für Vacheron Constantin, Patek Philippe und Audemars Piguet entwickelt. Es war jahrzehntelang das flachste Kaliber mit Zentralrotor und schrieb Geschichte, da es sowohl die erste Royal Oak von 1972 antrieb als auch die erste Nautilus, die 1976 erschien. Und als drittes wichtiges Modell kam es in der ebenfalls berühmten Vacheron Constantin 222 von 1977 zum Einsatz. Das von Jörg Hysek entworfene Modell mit integriertem Armband gilt als Vorläufer der 1996 vorgestellten Overseas. Alle drei Uhren verfügten damals übrigens über ein Datum, aber keinen Sekundenzeiger. Bei Vacheron Constantin hieß das Werk 1120, bei Patek 28-255 C und bei Audemars Piguet 2120 und 2121. 

Das Kaliber hatte einen Durchmesser von 28 Millimetern, war ohne Datum 2,45 Millimeter hoch und kam mit Datum auf eine Höhe von 3,05 Millimetern. Mit der exotischen Frequenz von 19.800 A/h erreichte es eine Gangreserve von 40 Stunden. Technisch einzigartig machte das Werk der Zentralrotor, der sich auf in der Platine montierten Rubinrollen abstützte, um die Rotorwelle zu schonen. 

Patek Philippe ersetzte das Kaliber schon 1980 in der Nautilus, Audemars Piguet stellte 2022 als Nachfolger das neue Manufakturwerk 7121 vor und nun schickt auch Vacheron Constantin den flachen Motor nach fast 60 Arbeitsjahren in den Ruhestand.

Fazit

Mit dem neuen Kaliber 2550 zeigt Vacheron Constantin, dass auch extrem flache Werke leistungsfähig sein können. Der Entwicklungsaufwand hat sich gelohnt: Die innovative Konstruktion mit fliegend gelagertem Doppelfederhaus ermöglicht eine lange Gangreseve und macht das nochmals flachere Werk zu einem überlegenen Nachfolger des legendären Kalibers 1120. 

Die Overseas Automatik Extra-Flach in Platin ist dabei ein schöner Rahmen für die Premiere: limitiert auf 255 Exemplare, mit einem lachsfarbenen Zifferblatt, das an die Platinmodelle der 1940er-Jahre erinnert, einer harten Platinlegierung und einer Gehäusehöhe, die alle bisherigen Overseas-Modelle unterbietet.


vacheron-constantin.com


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