Vor 25 Jahren sorgte Ulysse Nardin mit der ersten Freak für Aufsehen in der Branche. Zunächst mit einer wahren „Freak-Show“ am Vorabend der Baselworld in einer unterirdischen Location, gefolgt von einer Welle der Aufmerksamkeit in der globalen Uhren-Community. Rückblickend war sie wohl einer der ersten Zeitmesser, der viral ging – bevor es Plattformen wie Facebook, Instagram und YouTube gab.

2001 forderte Ulysse Nardin mit der Freak die traditionelle, damals konservativ geprägte Uhrenindustrie nicht nur heraus, sondern verschob deren Umlaufbahn nachhaltig. Ungewöhnliche Uhrenkonzepte – ob rein technischer oder ästhetischer Natur – gehören heute zumindest als Sondereditionen zum guten Ton jeder Schweizer Manufaktur. Oder sie bilden gar das Fundament ganzer Kollektionen.

Die Freak trat 2001 mit einem beispiellosen Konzept an: ohne Krone, ohne Zifferblatt, ohne klassische Zeiger. Stattdessen zeigte das Uhrwerk selbst die Zeit an. Hinzu kamen Siliziumkomponenten – eine Premiere in der Werkekonstruktion. Sie und all ihre Nachfolgerinnen haben zweifelsohne die Uhrenlandschaft bunter und ihre Kreateure mutiger gemacht – und sie mit 35 patentierten Innovationen bereichert.

Zu ihrem 25. Geburtstag erhält die Freak von Ulysse Nardin nun einen Neuzugang der Superlative: Die Super Freak ist das Ergebnis von 25 Jahren Forschung und Entwicklung und übertrifft all ihre Vorgängerinnen – und zeigt doch nur die Uhrzeit an.

Aber natürlich nicht einfach so, sondern aufwendiger, radikaler und moderner denn je. Gleichzeitig fügt sich der unkonventionelle Zeitmesser nahtlos in die 180-jährige Geschichte der Marke ein: von präzisen Marinechronometern über die Beharrlichkeit in Sachen Mechanik während der Quarzkrise bis zur heutigen unkonventionellen Haute Horlogerie in Form der Super Freak.

180 Jahre Ulysse Nardin

Die Geschichte der Manufaktur ist untrennbar mit starken Persönlichkeiten verbunden. Am Anfang steht Ulysse Nardin selbst, der 1846 im Alter von nur 23 Jahren in Le Locle seine Werkstatt gründete. Schon bald spezialisierte er sich auf Marinechronometer – Instrumente, deren Präzision für die Navigation auf See essenziell war. Im 19. und 20. Jahrhundert avancierte das Unternehmen zu einem der führenden Hersteller dieser Zeitmesser.

Von der Qualität dieser Präzisionsgeräte – das GPS der damaligen Zeit – zeugen die vielen Chronometer-Auszeichnungen. Bis zum Niedergang der klassischen Marinechronometer mit dem Siegeszug der Quarztechnologie waren es über 4.300.

Apropos Quarz und Krise: Diese schlug ab den 1970er-Jahren erbarmungslos zu. In der Folge verschwanden viele Traditionshäuser der Branche, andere wandten sich batteriebetriebenen Uhren zu. Ulysse Nardin ging einen anderen Weg. Denn zur rechten Zeit betrat eine für die Marke entscheidende Persönlichkeit die Bühne: Rolf Schnyder übernahm nach fünf Generationen in Familienhand im Jahr 1983 das Unternehmen.

Er setzte bewusst auf mechanische Innovation statt auf Quarz. Gegen den Markttrend positionierte er die Marke mit einem klaren Fokus auf Komplikationen, Handwerk und mechanische Innovation. Eine strategische Entscheidung, die sich als wegweisend erweisen sollte. So schuf sich die Marke ihre eigene Nische und ließ den Wettbewerb rund um die Quarztechnologie links liegen.

25 Jahre Freak

Im selben Jahr kreuzte zudem eine spätere uhrmacherische Größe die Wege von Ulysse Nardin: Ludwig Oechslin, einer der originellsten und einflussreichsten Persönlichkeiten der gegenwärtigen Uhrmacherei. Er verbindet Naturwissenschaft, Astronomie und radikal anders gedachte Mechanik. Mit der Begegnung von Rolf Schnyder und Ludwig Oechslin war der Weg zur Freak geebnet.

Den Auftakt der jahrelangen Zusammenarbeit bildete jedoch 1985 das Astrolabium Galileo Galilei – eine Uhr mit 21 astronomischen Anzeigen, die im Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen wurde. Es folgten Modelle wie die Planetarium Copernicus, die Tellurium Johannes Kepler und die Perpetual Ludwig – und dann kamen das Jahr 1997 und Carole Forestier-Kasapi.

Heute bekannt als „Queen of Complications“ und Leiterin der Werkentwicklung bei TAG Heuer, hatte die damals als junge Uhrmacherin bei Ulysse Nardin einen Wettbewerb zu Ehren von Abraham-Louis Breguet gewonnen. Ihr Siegerstück war seiner Zeit weit voraus und gilt als wichtige Inspirationsquelle für die spätere Freak.

Forestier-Kasapis Prototyp war bereits kronenlos, und das Uhrwerk rotierte um eine zentrale Achse. Eingestellt und aufgezogen wurde die Uhr über die Lünette. Ein Wermutstropfen war die geringe Gangreserve von nur zehn Stunden.

Ludwig Oechslin führte das Konzept entscheidend weiter, optimierte die Energieversorgung durch die Verlegung des Federhauses, entwickelte das Rotationsprinzip weiter und präsentierte eine revolutionäre Idee: Das Uhrwerk sollte nicht nur rotieren, sondern zugleich die Zeit anzeigen.

So wurde das sich in zwölf Stunden einmal drehende Federhaus mit der daran gekoppelten rotierenden Scheibe zur Stundenanzeige, während das stabförmige Werk mit einer Umdrehung pro Stunde zum Minutenzeiger mutierte. Möglich machte dies ein Planetengetriebe mit großem Übersetzungsverhältnis.

Und schließlich löste man auch das Problem der zwei erforderlichen Hemmungsräder für Oechslins duale Hemmung. Diese mussten für eine einwandfreie Funktionalität extrem leicht sein. Silizium erfüllte alle Anforderungen und feierte so in der Freak sein materielles Debüt ein einer Serienuhr.

2001 war es so weit: Die Freak „crashte“ ohne Zifferblatt, Zeiger und Krone die Baselworld. Der Name war ursprünglich lediglich der Arbeitstitel des Projekts – und blieb bis heute.

Super Freak – neues Werk und Spitzentechnologien

Würde man alle Details und Besonderheiten der Super Freak auflisten, entstünde ein superlanger Artikel. Wir beschränken uns daher auf die wichtigsten Eigenschaften, die diese Uhr zu einem Ausnahmezeitmesser machen.

Dessen Montage dauert rund 60 Stunden und wird lediglich von fünf speziell für den Super Freak ausgebildeten Uhrmachern im Haute Horlogerie Atelier von Ulysse Nardin durchgeführt.

UN-252 – 511 Komponenten im präzisen Zusammenspiel

Herzstück der Super Freak ist das hauseigene Automatikkaliber UN-252 im bis drei bar wasserdichten Weißgoldgehäuse (44 × 16,54 mm). Vier Jahre Entwicklungszeit waren nötig für das einwandfreie Zusammenspiel der 511 Komponenten. In funktionaler Hinsicht neu für eine Freak sind das doppelte Tourbillon und die Sekundenanzeige.

327 Bauteile entfallen auf die 3,5 Gramm leichte Minutenbrücke, die zwei fliegende Tourbillons aus Titan trägt. Diese sind jeweils um zehn Grad geneigt und drehen sich in entgegengesetzter Richtung alle 60 Sekunden einmal, während sich das fliegende Karussell einmal pro Stunde dreht.

Sage und schreibe 498 Teile des UN-252 (97,46 %) sind beweglich, lediglich 13 Komponenten bleiben feststehend. Eingestellt und aufgezogen wird die Super Freak ganz Freak-typisch über die Lünette beziehungsweise den Gehäuseboden.

„Aus Sicht der Uhrwerkentwicklung bestand eine der größten Herausforderungen darin, eine effiziente Energieübertragung für die Integration einer Sekundenanzeige sicherzustellen. Gleichzeitig erhöhte unser Anspruch, eine optisch beeindruckende Uhr zu schaffen, die Komplexität zusätzlich, da die Brücken auf geneigten Ebenen konstruiert werden mussten, um ein Gleichgewicht zwischen mechanischer Leistung und starker ästhetischer Ausdruckskraft herzustellen“, erklärt Lukas Klee, Uhrwerkentwickler der Super Freak bei Ulysse Nardin in La Chaux-de-Fonds.

Premiere: Automatisches Doppeltourbillon mit Differenzial

Die Super Freak ist das weltweit erste automatische Doppeltourbillon. Wer jetzt denkt, das gab es doch schon einmal, der irrt. Richtig: 2019 präsentierte Zenith eine auf zehn Exemplare limitierte Defy El Primero mit zwei Tourbillons und automatischem Aufzug.

Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Die beiden Tourbillons der Super Freak sind über ein Differenzial zu einem Doppeltourbillon miteinander verbunden, werden von einem gemeinsamen Federhaus gespeist und regulieren gemeinsam das Uhrwerk.

Bei der Zenith hingegen reguliert das eine Tourbillon das Uhrwerk, während das andere mit dem Chronographen gekoppelt ist. Sie sind nicht miteinander verbunden und verfügen über separate Federhäuser.

Das weltkleinste vertikale Differenzial

Mit einer Größe von nur fünf Millimetern kann sich die Super Freak laut Ulysse Nardin mit dem weltweit kleinsten Differenzial rühmen. Dieses besteht aus 69 Komponenten, darunter acht mit mikrometergenauer Präzision gefertigte Keramikkugellager.

Das Differenzial mittelt die Geschwindigkeit der beiden geneigten Tourbillons und überträgt gleichzeitig Energie auf das neue patentierte Kardan-System. Ohne diesen synchronisierenden Mechanismus könnten Unterschiede zwischen den beiden Hemmungen dazu führen, dass die Uhr vor- oder nachgeht.

Im Vergleich zum ersten vertikalen Differenzial mit absteigender Achse in der Freak S von 2022 verfügt das neue Differenzial der Super Freak über eine aufsteigende Achse. Das öffnet das Uhrwerk optisch und lässt das mechanische Schauspiel noch spektakulärer erscheinen.

Kardansystem für einwandfreie Energieübertragung

Das Differenzial und die Sekundenanzeige sind auf einer dezentrierten Achse positioniert. Um eine einwandfreie Energieübertragung zwischen beiden zu gewährleisten, hat Ulysse Nardin ein kardanisches System entwickelt und patentiert. Es ist das weltweit kleinste, nimmt die Energie vom Differenzial auf und überträgt sie an die zylindrische Sekundenanzeige.

Ursprünglich wurden kardanische Aufhängungen entwickelt, um Schiffskompasse zu stabilisieren und Navigationsinstrumente horizontal auszurichten. Erst seit Kurzem werden sie auch in der modernen Uhrmacherkunst neu interpretiert, wo sie die Steuerung komplexer, beweglicher mechanischer Architekturen ermöglichen.

Hocheffizientes Grinder-System

Zwei Tourbillons auf einem fliegenden Karussell erfordern deutlich mehr Energie als ein herkömmliches Aufzugssystem leisten kann. Daher setzt Ulysse Nardin auf das patentierte Grinder-System, eines der effizientesten automatischen Aufzugssysteme der Branche.

Die Schwungmasse ist über vier jeweils 0,12 Millimeter dünne Hebel mit einem Rahmen verbunden. Dadurch wird die pro Winkeleinheit gewonnene Energie im Vergleich zu herkömmlichen Systemen verdoppelt. Die Super Freak erreicht so eine Gangreserve von drei Tagen.

Diamantbeschichtete Siliziumarchitektur

Ulysse Nardin setzte als erster Uhrenhersteller 2001 das leichte, flexible, reibungsarme und antimagnetische Silizium in einem Uhrwerk ein. Die Super Freak ist mit zehn Silizium-Komponenten ausgestattet, darunter zwei Unruhen, zwei Spiralfedern sowie zwei Hemmungen aus DIAMonSIL, einer 2007 von Ulysse Nardin patentierten diamantbeschichteten Siliziumarchitektur.

Glasbasiertes Nanosital

Die rotierende Stundenscheibe der Super Freak besteht aus Nanosital in transparentem Blau mit Stundenindizes aus weißer Superluminova. Nanosital ist ein polykristallines Material, das durch kontrollierte Kristallisation von Glas hergestellt wird und sich durch außergewöhnliche Reinheit auszeichnet.

Mit einem spezifischen Gewicht, das dem von Topas, Saphir und Rubin nahekommt, und einer Härte, welche die von Standardglas übertrifft, bietet das Material eine bemerkenswerte Haltbarkeit bei gleichbleibender Klarheit, Farbe und innerer Struktur.

Handarbeit für ästhetische Modernität

Trotz aller technologischen Innovation bleibt die Super Freak ein Produkt feinster Handarbeit. Mehr als 70 Prozent der Komponenten werden von Hand bearbeitet. Mit traditionellen Werkzeugen und Techniken werden alle Oberflächen poliert und verfeinert. Ein aufwendiger Prozess, der durch den Einsatz von Titan anstelle von herkömmlichem Messing für zu dekorierende Uhrwerkskomponenten noch komplexer und anspruchsvoller wird.

Was kommt nach der Super Freak?

Das Wort „Super“ stammt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie „über“, „oberhalb“, „darüber hinaus“ oder „zusätzlich“. Kann Ulysse Nardin das noch toppen, fragt man sich unweigerlich. Vielleicht mit einer Hyper Freak? Oder ist die Super Freak der krönende Abschluss einer 25-jährigen Ära? Dieser ist übrigens auf 50 Exemplare limitiert und kostet 342.350 Euro.


ulysse-nardin.com

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