Sie haben Ihre Rückkehr zu Jaeger-LeCoultre als „einen Traum, der zweimal wahr wurde“ beschrieben.

Dass es ein Traumjob ist, CEO bei Jaeger-LeCoultre zu sein, wurde mir eigentlich erst beim zweiten Mal wirklich bewusst. Beim ersten Mal konzentriert man sich darauf, seine Aufgabe bestmöglich zu erfüllen. Erst mit etwas Abstand erkennt man, welch außergewöhnliche Verantwortung und welches Privileg damit verbunden sind.

Ich vergleiche das gern mit dem Dirigenten der Berliner Philharmoniker. Es gibt viele exzellente Orchester – aber die Gelegenheit, eines der besten der Welt zu leiten, erhält man in der Regel nur einmal im Leben. Ich hatte das Glück, sie bei Jaeger-LeCoultre ein zweites Mal zu bekommen.

Sie sind von der Konzernleitung zurück in die Manufaktur gewechselt. Was reizt Sie an dieser Aufgabe besonders?

Nach sieben Jahren auf Konzernebene war für mich der richtige Moment gekommen, wieder näher an das Produkt und die kreative Substanz zu rücken. In den zurückliegenden Jahren gab es jeden Tag etwas Neues zu entdecken, was mich dazu motivierte, immer das Beste zu geben und dazuzulernen. Diese Erfahrung bringe ich heute in meine Arbeit bei Jaeger-LeCoultre ein.

Entscheidend ist, sich immer wieder neuen Herausforderungen zu stellen – Situationen, in denen man sich neu definieren und beweisen muss. Nur so schöpft man langfristig das eigene Potenzial aus.

Eine Manufaktur wie Jaeger-LeCoultre zu führen, ist eine außergewöhnlich vielschichtige Aufgabe. Denken Sie nur an unsere Ateliers, in denen nahezu 240 verschiedene Handwerkskünste gepflegt werden. Das ist eine in jeder Hinsicht multidimensionale Tätigkeit.

Es geht um die Verbindung von Kreativität und technischer Exzellenz, aber auch um Emotion und den Austausch mit außergewöhnlichen Persönlichkeiten. All das bereichert meinen Weg in der Uhrenwelt. Gleichzeitig muss diese Vielfalt stets mit wirtschaftlichen und technologischen Anforderungen in Einklang gebracht werden.

Als CEO entwickelt und orchestriert man eine Strategie, die all diese Dimensionen zusammenführt und in messbare Ergebnisse übersetzt. Das macht die Aufgabe anspruchsvoll – und zugleich so faszinierend. Und ist, wie gesagt, ein Privileg.

Was ist Ihre Vision für Jaeger-LeCoultre?

Unser Anspruch ist es, DER Uhrmacher unter den Uhrmachern zu sein – gewissermaßen der Maßstab der Branche. Ich sehe Jaeger-LeCoultre als Ausdruck der höchsten Form der Uhrmacherkunst, als Benchmark der Haute Horlogerie. Dieses ultimative Ziel treibt mich jeden Tag an.

Auch nach 193 Jahren ist unsere Entwicklung nicht abgeschlossen. Exzellenz ist kein Zustand, sondern ein kontinuierlicher Prozess. Genau dieses Streben spiegelt sich in unseren Produkten wider.

Welche Rolle spielen Ikonen in Ihrer Markenstrategie?

Eine Maison wie Jaeger-LeCoultre definiert sich über ikonische Modelle wie die Reverso. Gleichzeitig stehen auch unsere runden Uhren für unsere Identität: klassische Uhrmacherei, technische Präzision und zeitlose Eleganz.

Ein gutes Beispiel ist die Master Control, die wir 1992 eingeführt haben. Sie wurde seither kontinuierlich weiterentwickelt – stets konsistent in ihrer DNA und zugleich offen für Innovation. Jede neue Generation bleibt ihrer Grundidee treu und entwickelt sich technisch wie ästhetisch weiter. So entsteht eine ikonische Linie.

Bei Jaeger-LeCoultre gibt es viele große Themen: die ikonische Reverso, hochkomplizierte Uhren, die Métiers Rares … Wie vermitteln Sie all diese Themen auch an neue Zielgruppen? Es bedarf ja etwas Zeit, um eine Marke wie Jaeger-LeCoultre wirklich zu verstehen.

Sie sprechen einen wichtigen Punkt an. Und ein Teil der Antwort steckt bereits in Ihrer Frage. Eine Marke wie Jaeger-LeCoultre erschließt sich nicht sofort. Es braucht Zeit und Kontinuität in der Kommunikation. Man muss seine Botschaft immer wieder erzählen und neu zum Ausdruck bringen.

Die Reverso zum Beispiel existiert seit über 90 Jahren – und dennoch rücken wir sie regelmäßig neu in den Fokus. So schaffen wir Sichtbarkeit und vertiefen das Verständnis für ihre Bedeutung.

Ähnlich verhält es sich mit der wesentliche jüngeren Master Control, die heute – etwa mit integriertem Armband – neue Akzente setzt. Solche Impulse strahlen stets auf die gesamte Maison aus.

Beide Linien fungieren als Botschafter unserer Kompetenz. Ich bin überzeugt, dass diese Botschaft weltweit von Uhrenliebhabern verstanden wird.

Wie gehen Sie mit der sich ändernden globalen Nachfrage um? Da ist einerseits die nachlassende Nachfrage in China und andererseits der wachsende Appetit auf Quiet Luxury in den USA und in Europa.

Das ist ein sehr interessanter Punkt. Wenn wir über Quiet Luxury sprechen, dann geht es immer um die Wertschätzung für intrinsische Werte, also für die Substanz eines Produkts. Das trifft perfekt unsere DNA und das, was unsere Kunden weltweit von uns erwarten und bekommen.

Natürlich beobachten wir auch geografische Verschiebungen der Nachfrage sehr genau. Aber wir sind eine globale Marke mit weltweiter Präsenz. Und wir sehen auch in neuen Märkten die gleichermaßen positive Resonanz auf unsere Philosophie und unsere Produkte.

Welche Rolle spielen Minute Repeater und Sonnerie-Uhren in der Historie und in der aktuellen Kollektion von Jaeger-LeCoultre?

Minute Repeater und Sonnerie-Uhren spielen eine sehr große Rolle in unserer Kollektion. Wir haben in unserer Geschichte über 200 solcher klingenden Zeitmesser kreiert – und übrigens rund 1.400 Kaliber. Das sind sehr beeindruckende Zahlen.

In puncto Komplikationen gehören Grande-Sonnerie-Uhren zu den komplexesten Konstruktionen. Hier müssen zahlreiche Komponenten perfekt zusammenspielen. Diese Expertise haben wir über mehr als ein Jahrhundert hinweg kontinuierlich verfeinert.

Der Klang von Minute Repeatern und Sonnerie-Uhren ist etwas zutiefst Persönliches und Emotionales. Und es ist eine der wenigen Komplikationen, bei denen der Träger das Niveau der Exzellenz sofort wahrnimmt. Bei der Ganggenauigkeit hingegen benötigt man Messinstrumente, um kleine Abweichungen überhaupt erkennen zu können.

Den – im besten Fall exzellenten – Klang eines Minute Repeaters oder einer Sonnerie erlebt man unmittelbar. Und genau deshalb müssen diese Uhren nicht nur technisch perfekt, sondern auch musikalisch überzeugend sein und Emotionen wecken.

Wie wichtig sind Métiers-Rares-Zeitmesser für die Maison heute – in einer Welt, in der so viel maschinell hergestellt werden kann?

Das Besondere an den Métiers Rares ist, dass diese handwerklichen Disziplinen nur von ganz wenigen Spezialisten auf hohem Niveau beherrscht werden. Sie bewahren die kulturelle Dimension der Uhrmacherei und tragen diesen weiter. Sie zeigen, wofür die Uhrmacherei früher, heute und in Zukunft steht – und wofür Jaeger-LeCoultre steht.

Gerade in der Haute Horlogerie bleibt Handarbeit in vielen Bereichen unersetzlich, nicht nur bei der dekorativen Handwerkskunst auf Uhren. Nehmen Sie eine Grande Sonnerie von uns: Sie besteht aus über 1.000 Komponenten. Deren perfekte Abstimmung lässt sich nicht automatisieren. Ein Uhrmacher arbeitet bis zu einem Jahr an einem solchen Zeitmesser.

Eine Maschine zu bauen, die solche Aufgaben überhaupt annähernd ausführen könnte, wäre technisch sehr anspruchsvoll und würde viel Zeit in Anspruch nehmen. Letztlich wäre der Aufwand auch wirtschaftlich nicht sinnvoll.

Es gibt selbst in großen Manufakturen wie unserernur sehr wenige Uhrmacher und Spezialisten, die bestimmte Komplikationen und kunsthandwerkliche Disziplinen wirklich beherrschen. Aber diese Kombination aus technischem Können, Erfahrung und handwerklicher Präzision ist durch Maschinen nicht ersetzbar und sichert die Exklusivität und emotionale Kraft unserer Uhren.

Was hat es mit der superkomplizierten Hybris-Inventiva-Reihe auf sich?

Sie ist Ausdruck unseres Innovationsanspruchs. In dieser Linie bündeln wir Entwicklungen, die auf langfristiger Forschung basieren. Jedes Jahr stellen wir etwas Neues vor. Es kann fünf, zehn oder sogar fünfzehn Jahre dauern, bevor wir eine entsprechende Uhr beziehungsweise Technologie vorstellen.

Ein Hybris-Inventiva-Projekt wird erst realisiert, wenn die Entwicklung ausreichend fortgeschritten ist und es für mehr als nur ein Konzept reicht. Das heißt, Hybris Inventiva steht nicht nur für technische Spitzenleistungen, sondern auch für Innovationen mit Perspektive – Technologien, die später in unsere Kollektionen einfließen können.

Wenn Sie nur eine Uhr auswählen dürften, die Ihre persönliche Philosophie der Uhrmacherkunst verkörpert – wäre es eher eine klassische Reverso oder eine hochkomplizierte Uhr?

Das ist eine sehr gute Frage. Ich habe das Privileg, viele verschiedene Uhren zu unterschiedlichen Anlässen tragen zu dürfen. In diesem Jahr wird es sicher sehr häufig die neue Master Control Chronometre Perpetual Calendar in Stahl sein.

Ich reise viel, und dieser Zeitmesser verbindet technische Raffinesse mit praktischer Funktionalität. Zugleich repräsentiert er das Ausnahmekönnen unserer Mitarbeiter und die fast zweihundertjährige Geschichte unserer Maison.


jaeger-lecoultre.com

0 Comments
Meist bewertet
Neueste Älteste
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
0
Teilen Sie gerne Ihre Meinung mit uns.x