Der Münchner Branchentreff behauptet seine Position. Über 25.000 Fachbesucher aus 94 Ländern kamen zur Inhorgenta 2026, und damit genauso viele wie im vergangenen Jahr. Angesichts wirtschaftlich angespannter Rahmenbedingungen ist dies als Erfolg zu verbuchen. Rund 1.200 Marken präsentierten sich auf dem Münchner Branchentreff, gut 100 weniger als im Vorjahr.

Dynamik in der Uhrenhalle A1

In der Uhrenhalle A1 war davon jedoch kaum etwas zu spüren. Die Watch Boutique im Herzen der Halle zeigte sich erneut stark besetzt, unter anderem mit Schweizer Marken wie Ebel, Eberhard & Co., BA111OD und Favre-Leuba. Mit Maurice Lacroix kehrte zudem eine weitere Swiss-Made-Marke auf die Messe zurück. Im „Salon Suisse“ präsentierten sich ferner kleinere unabhängige Hersteller, während im FHH Cultural Space die renommierten eidgenössischen Marken Piaget, Bovet und Oris zu finden waren.

FHH Cultural Space: Der Wert des Handwerks

Die Schweizer Organisation Fondation Haute Horlogerie (FHH) zelebrierte federführend in der Uhrenhalle A1 das Inhorgenta-Leitthema Craftsmanship und präsentierte mit dem FHH Cultural Space eine kuratierte Erlebnisfläche. Die immersive Plattform widmete sich der feinen Uhrmacherei als kulturellem Erbe und bot Ausstellungen, Workshops, Live-Vorführungen sowie Vorträge rund um Handwerkskunst, Fachwissen und die Zukunft mechanischer Uhren. Besucher waren beispielsweise eingeladen, unter fachkundiger Anleitung ein mechanisches Uhrwerk zu zerlegen und wieder zusammenzusetzen.

„Uhrmacherei ist weit mehr als ein Produkt. Das sichtbare Objekt ist nur die Oberfläche. Dahinter verbirgt sich eine unsichtbare Welt aus Handwerkskunst, Intelligenz, Geduld und Weitergabe von Wissen. Unsere Aufgabe ist es, diese Tür zu öffnen und die Menschen an die Hand zu nehmen“, erläuterte Pascal Ravessoud, Vizepräsident der Fondation Haute Horlogerie, die Zielsetzung der FHH.

Watch Talks – Impulse, Debatten, Perspektiven

Auf der Watch-Talks-Bühne diskutierten führende Köpfe der internationalen Uhrenwelt über aktuelle Entwicklungen und Zukunftsperspektiven.

Für Sammler besonders relevant war der von Jörn Kengelbach, Editor-at-Large bei Swisswatches Magazine, moderierte Talk „Heritage Meets Hype – The New Era of Watch Collecting“ (Tradition trifft auf Hype – die neue Ära des Uhrensammelns). Seine Gesprächspartner, Andy Hoffman aus den USA und Tom Exton aus Großbritannien, sind ausgewiesene Kenner der Szene: Der eine ist Senior Business Editor bei Hodinkee, der andere seit über 20 Jahren passionierter Uhrensammler.

Watch Talk: Heritage Meets Hype – Sammlerszene im Wandel der Zeit

In den letzten zehn Jahren haben soziale Medien, Sekundärmärkte und unabhängige Marken die Branche nachhaltig verändert. Sammler prägen heute das Geschehen maßgeblich mit, das deutlich weniger exklusiv ist als früher und nicht mehr nur in Separees edler Boutiquen stattfindet. Wie hat sich die Denkweise von Sammlern entwickelt? Bei der Beantwortung dieser Frage war sich das Expertentrio im Kern einig.

Marken wie Rolex und Audemars Piguet müssten sich zunehmend die Aufmerksamkeit der Uhrensammler mit anderen Herstellern teilen. „Anfangs habe ich mich sehr für die großen Marken interessiert“, erläutert Exton sein eigenes Sammlerverhalten. Heute müsse hingegen jede weitere Uhr, die er kaufe, seiner Sammlung einen neuen Mehrwert hinzufügen. Und genau diesen fänden er und viele andere Sammler zunehmend bei Nischenmarken.

Er führt diese Entwicklung auch auf die sozialen Medien zurück, durch die Uhrenliebhaber immer mehr Wissen über Uhren und Marken erlangten und sich ihr Interessenshorizont deutlich erweitert habe.

Der Covid-Effekt auf das Uhrensammeln

Eine Zäsur für den Sammlermarkt und zugleich ein Beschleuniger dieser Entwicklung stellte Covid dar, wodurch sich alles verändert habe, meint Andy Hoffman. „Vor einigen Jahren, in der Corona-Ära, konzentrierten sich die Leute auf die großen Marken, die bekannten Namen, und suchten nach bestimmten Referenzen. Man müsse anerkennen, dass dieses Ereignis den Lauf der Geschichte – wirtschaftlich wie gesellschaftlich – langfristig verändert habe. Für den Sammlermarkt sei es das prägendste Ereignis der jüngeren Geschichte gewesen.“

Plötzlich tummelten sich deutlich mehr vermeintliche Uhrensammler auf den entsprechenden Onlineportalen, und Flipper trieben die CPO-Preise in teils aberwitzige Höhen.

Diese Erkenntnis brachte Tom Exton im Watch Talk so auf den Punkt: „Covid war ein perfekter Sturm. (…) Viele Leute saßen zu Hause und taten so, als würden sie von dort aus arbeiten – und verbrachten viel Zeit im Internet. Dort sahen sie, wie die Preise für Vermögenswerte völlig durch die Decke gingen, nicht nur bei Uhren. Und sie wurden von den Spekulanten mitgerissen. Das trieb auch die Wartelisten in die Höhe. Für Sammler, die sich schon vor Covid für Uhren interessierten, war das sehr frustrierend. Es war schon vor Covid schlimm genug, aber nun hatte man keine Hoffnung mehr, etwas zu bekommen, das einen interessierte.“

In der Konsequenz sahen sich Sammler abseits ausgetretener Pfade und bekannter, großer Marken um. Die Frage lautete: „Was gibt es sonst noch?“

Unabhängige Marken rücken in den Fokus der Sammler

Von der Antwort auf diese Fragen hätten Marken wie Girard-Perregaux massiv profitiert, meint Exton. „Die ursprünglichen Sammler aus der Zeit vor Covid sind immer noch da, aber wenden sich etwas von den großen Marken ab und bewegen sich nun auch im Bereich unabhängiger Uhrenmarken – nicht nur bei Mikromarken, sondern auch bei solchen wie Girard-Perregaux.“

Ein exemplarisches Beispiel für den veränderten Uhren- und Sammlermarkt sei außerdem die Marke Richard Mille, ergänzte Andy Hoffman auf dem Swisswatches Magazine Watch Talk, die das noch vergleichsweise junge Segment des Ultra-Luxus perfekt besetzt habe. „Der Markt hat sich weiterentwickelt und ist aufgeklärt genug, um diese Marken und Uhrenhersteller wirklich zu schätzen. Es ist tatsächlich ein anderes Erlebnis mit diesen Marken, weil die Stückzahlen so gering sind.“

„Der Markt und das Sammlerinteresse haben sich offensichtlich von Sportuhren hin zu formschöneren, interessanteren und individuelleren Uhren entwickelt“, fasste Hoffman abschließend die Entwicklung des Sammlermarktes in den vergangenen zehn Jahren zusammen.

Inhorgenta Award 2026: Glashütte Original, Tutima Glashütte und Accutron by Bulova

Zu den Highlights der Inhorgenta 2026 zählte die glamouröse, von Nazan Eckes moderierte Verleihung des Inhorgenta Awards in den Bavaria Filmstudios. Der Preis wurde in zehn Kategorien vergeben – drei waren den Uhren gewidmet.

Luxury Watch of the Year: Glashütte Original

Viel Aufmerksamkeit erregte die neue Kategorie „Luxury Watch of the Year | Public Choice“ (Mechanikuhren, UVP 5.000-75.000 €), die in Kooperation mit der WirtschaftsWoche durchgeführt wurde. Damit einher ging ein echtes Novum beim Inhorgenta Award: die Einbeziehung der Öffentlichkeit in den Bewertungsprozess.

Ein willkommener Nebeneffekt war, dass mit der neuen Kategorie das Teilnehmerfeld im Bereich Uhren um Luxusmarken aus dem oberen Preissegment bereichert wurde. Die Top 3 des Leservotings waren die Ballon Bleu von Cartier, die PanoMaticLunar von Glashütte Original und die Land-Dweller von Rolex.

Das Rennen machte schließlich Glashütte Original mit der auf 180 Exemplare limitierten Platinausführung der PanoMaticLunar mit Aventurin-Zifferblatt. Während das Material bei Glashütte Original Premiere feiert, wird die typische asymmetrische Aufteilung des Zifferblatts ebenso beibehalten wie das charakteristische Panoramadatum ohne trennenden Steg zwischen den Ziffern. In der ausgezeichneten PanoMaticLunar Anniversary Edition tickt das automatische Manufakturkaliber 92-14 mit großzügigen 100 Stunden Gangreserve, stoßgesichertem 4-Hertz-Schwingsystem und feiner Dekoration.

„Dass unsere PanoMaticLunar Anniversary Edition mit dem Inhorgenta Award ausgezeichnet wurde, ist für mich und das gesamte Unternehmen eine große Ehre“, kommentiert Roland von Keith, CEO Glashütte Original. „Wir haben diese Uhr entworfen, um 180 Jahre Glashütter Uhrmacherkunst mit einem Paukenschlag zu feiern. Dass sie nun durch Public Choice zur ‚Luxury Watch of the Year‘ gewählt wurde, ist für uns nicht nur eine Anerkennung unserer uhrmacherischen Kompetenz, sondern auch eine Bestätigung, dass wir unserer Rolle als Bewahrer dieser einzigartigen Tradition gerecht werden.“

Mechanical Watch of the Year: Tutima Glashütte

In der Kategorie „Mechanical Watch of the Year“ setzte sich die Patria von Tutima Glashütte durch. Die 41 Millimeter messende Titanuhr ist mit dem hauseigenen Handaufzugswerk Kaliber 617 mit 65 Stunden Gangreserve ausgestattet, das in aufwendiger Handarbeit aus 171 Einzelteilen in der Manufaktur des Hauses gefertigt wird.

Unter gewölbtem, entspiegeltem Saphirglas geschützt, offenbart das Zifferblatt Detailreichtum und einen modernen Look in Anthrazit, Graphitgrau beziehungsweise Silberweiß: Je nach Einfallswinkel wechseln sich auf der Pyramidenstruktur Licht und Schatten ab.

Das Zifferblatt zeigt nicht nur Stunden, Minuten und Sekunden, sondern auch das historische Logo aus der Gründungszeit der Marke vor fast einhundert Jahren.

„Diese Uhr verkörpert auf besondere Weise, was Tutima Glashütte über die bewegte Geschichte hinweg stets ausgezeichnet hat: den Mut, Historie und Aufbruch immer wieder neu miteinander zu verbinden“, erklärt Matthias Stotz, Geschäftsführer von Tutima Glashütte.

Watch Design of the Year: Accutron by Bulova

Nicht rein mechanisch, aber dennoch hochspannend ist das Gewinnermodell in der Kategorie „Watch Design of the Year“: die Accutron by Bulova26A211 Spaceview 314 Tuning Fork. Die ursprüngliche Accutron war 1960 die erste serienmäßig produzierte Armbanduhr ohne klassische Unruh.

Ihr technisches Novum: eine durch zwei elektromagnetische Spulen gesteuerte Stimmgabel, die einen Quantensprung in der Ganggenauigkeit ermöglichte. Bulova garantierte damals eine maximale Abweichung von nur 60 Sekunden pro Monat. Mehrere Millionen Exemplare wurden bis in die 1970er-Jahre verkauft. Die elektromechanische Konstruktion der Accutron gilt als wichtiges Bindeglied zwischen rein mechanischer Uhr und Quarzuhr.

Die nun ausgezeichnete Neuauflage, die Spaceview 314, orientiert sich optisch wie technisch eng am Original. Im 39-Millimeter-Edelstahlgehäuse arbeitet das neu entwickelte, inhouse produzierte Kaliber Y230. Die mit 360 Hertz schwingende Stimmgabel – hörbar als leises Summen im Tonbereich Fis – überträgt ihre Frequenz über ein Indexsystem auf die Zeiger.

„Für die Neuauflage mussten wir eine komplette Produktionslinie mit neuen Maschinen konzipieren und aufbauen – nicht nur, weil die historischen Anlagen nicht mehr existierten, sondern auch, weil wir höchste Ansprüche an Materialien und Fertigung gestellt haben“, so Kai-Erik Strehle, Product & Marketing Manager der Citizen Watch Europe GmbH.


inhorgenta.com

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