Jaeger-LeCoultre zeigt zur W&W 2026 drei hochkomplexe Neuheiten: Gyrotourbillon, Minute Repeater und Tourbillon Jumping Date.

Hermès stellt nicht einfach nur ein skelettiertes Werk vor, sondern die neuste technische Generation aus dem Hause Vaucher. Eine neue 10-jahres-Garantie zeigt, wie ernst sie es damit meinen. Wir waren beim Launch in Fleurier dabei.
Wir hatten vor einigen Wochen die Ehre, mit einer kleinen Gruppe ausgewählter Journalisten unter strengem Embargo bereits eine der Neuheiten der diesjährigen Watches & Wonders zu sehen. Wir sind dafür nach Neuchâtel in die Schweiz gereist, wo Hermès Uhren-CEO Laurent Dordet auf uns wartete, der bereits beim Abendessen am Vortag von der Neuheit schwärmte und die Spannung weiter steigen ließ, was uns am nächsten Tag erwarten würde. Als wir am nächsten Morgen in Richtung Fleurier aufbrachen war klar, dass wir den Tag bei Vaucher Manufacture Fleurier (VMF) verbringen würden, wo die Uhrwerke für Hermès produziert werden, aber auch für einige andere namhafte Marken wir Richard Mille, TAG Heuer, Audemars Piguet oder Parmigiani Fleurier. Seit 2006 hält Hermès sogar 25 % der Anteile an Vaucher.
In einem Präsentationsraum bei Vaucher ist bereits eine Uhrenschatulle demonstrativ auf dem Tisch platziert. Öffnen dürfen wir sie natürlich noch nicht. Zuvor gibt es eine ausführliche Exkursion zu den Anfängen der Uhrmacherei bei Hermès, die weiter zurückreichen, als man denken würde. Dann wird es ernst. Philippe Delhotal, der Kreativdirektor von Hermès Horloger taucht ein in die Idee und Details zur Neuheit. Es ist eine H08, erstmals als skelettierte Version. In fünf verschiedenen Farbvarianten wird die Hermès H08 Squelette erhältlich sein. Nun sind skelettierte Uhren heutzutage weiß Gott nichts mehr Außergewöhnliches, auch nicht, wenn ein vergleichsweise junges Uhrenhaus wie Hermès Horloger sich ihnen widmet. Aber es handelt sich nicht einfach nur um ein weiteres skelettiertes Uhrwerk – die Ingenieure und Uhrmacher bei Vaucher haben nach jahrelanger Entwicklungs- und Testphase eine neue Generation eines skelettierten Uhrwerks für Hermès entwickelt, das technisch äußerst beeindruckend ist. So gut, dass sie darauf direkt eine Herstellergarantie von zehn Jahren geben. Doch bevor wir in die Details der Hermès H08 Squelette gehen, starten auch wir mit einer kurzen Exkursion in die Geschichte der Uhrmacherei von Hermès.
Um die technologische Bedeutung der neuen H08 Squelette zu verstehen, lohnt es sich, die historische Entwicklung von Hermès Horloger zu kennen. Obwohl Hermès bereits vor über einem Jahrhundert Uhren in Kollaboration mit namhaften Manufakturen wie Jaeger-LeCoultre anbot, begann die Ära der echten Eigenständigkeit im Jahr 1978. Jean-Louis Dumas, der damalige CEO, erkannte, dass die volle Kontrolle über Qualität und Design nur durch eine eigene Fertigung in der Schweiz zu erreichen war. Die Gründung von La Montre Hermès in Biel war ein klares Bekenntnis zur Schweizer Exzellenz, gepaart mit dem Pariser Esprit des Mutterhauses.
Dumas gab seinem Team zwei Kernbotschaften mit auf den Weg, die bis heute das Fundament jeder Neuentwicklung bilden: Erstens müssen die Uhren technisch und qualitativ mit den besten Wettbewerbern der Welt konkurrieren können. Zweitens darf Hermès niemals die traditionelle Schweizer Industrie einfach imitieren. Stattdessen soll das Haus seine eigene DNA – geprägt von Reitsport-Wurzeln, Fantasie und einem gewissen Humor – in die Uhrmacherei einfließen lassen. Diese Philosophie führt dazu, dass die Zeitmessung bei Hermès nicht allzu ernst genommen, sondern eher als ein „fröhlicher Begleiter“ verstanden wird.
Die Strategie von Hermès war über Jahrzehnte hinweg von einer konsequenten vertikalen Integration geprägt. Ein entscheidender Wendepunkt war das Jahr 2006, als Hermès eine Beteiligung von 25 % an der Vaucher Manufacture Fleurier (VMF) erwarb. Diese Investition sicherte dem Haus den Zugang zu exklusiven mechanischen Uhrwerken auf höchstem Niveau. Vaucher ist kein gewöhnlicher Zulieferer; die Manufaktur, die mehrheitlich der Sandoz-Familienstiftung gehört, beliefert auch Branchengrößen wie Richard Mille, Audemars Piguet, TAG Heuer und Parmigiani Fleurier.
In den Folgejahren baute Hermès seine Kompetenzen durch weitere Akquisitionen systematisch aus. Mit der Übernahme des Zifferblattspezialisten Natéber in La Chaux-de-Fonds im Jahr 2012 legte Hermès den Grundstein für eine verstärkte vertikale Integration, die bereits 2013 durch den Erwerb des Gehäuseherstellers Joseph Érard in Le Noirmont konsequent fortgesetzt wurde. Im Jahr 2017 wurde diese Strategie durch die Einweihung der Ateliers d’Hermès Horloger am Standort Le Noirmont weiter ausgebaut, welche die Expertise der Gehäuse- und Zifferblattfertigung nun effizient unter einem gemeinsamen Dach vereinen.
Diese Struktur erlaubt es Hermès heute, als voll integrierte Manufaktur aufzutreten. Während die Basiskomponenten der Uhrwerke bei Vaucher in Fleurier entstehen, findet die Endmontage und die feine Regulierung in den eigenen Ateliers in Brügg (nahe Biel) statt. In Fleurier arbeiten die Uhrmacher markenübergreifend an hochpräzisen Kalibern für verschiedene prestigeträchtige Kunden, doch in Brügg beschäftigt Hermès eigene Uhrmacher, die sich ausschließlich der Montage und Qualitätskontrolle der Hermès-Zeitmesser widmen. Dies garantiert, dass jede H08 Squelette die spezifische Handschrift und die entsprechenden Standards des Hauses trägt.
Die H08-Linie selbst, die vor rund fünf Jahren eingeführt wurde, hat sich rasch zum Gesicht der modernen, maskulinen Uhrmacherei bei Hermès entwickelt. Doch während die bisherigen Modelle vor allem durch ihr Spiel mit Materialien wie Graphen, Titan und Keramik sowie ihre markante Typografie auffielen, verfolgt die Squelette-Version einen weitaus technischeren Ansatz. Über die reine Funktion der Zeitanzeige hinaus betont Hermès mit dem skelettierten Kaliber H1978S die visuelle Gestaltung der Mechanik. Mit technischen Merkmalen wie der Werkplatine aus Titan, dem Rotor aus Wolfram sowie der zehnjährigen Garantie zielt das Haus darauf ab, die Traditionen der Schweizer Uhrmacherei durch eigenständige gestalterische Impulse neu zu interpretieren.
Das Herzstück der Hermès H08 Squelette ist das mechanische Uhrwerk mit Selbstaufzug, das intern als H1978S geführt wird. Es basiert auf der neuen Kaliberfamilie 4100 der Vaucher Manufacture, wurde jedoch spezifisch für die Anforderungen und die Ästhetik von Hermès weiterentwickelt. Im Gegensatz zu vielen herkömmlichen skelettierten Werken, bei denen lediglich Material von einer bestehenden Platine entfernt wird, handelt es sich beim H1978S um eine „neue Generation“ von skelettierten Uhrwerken.
Eine der technisch anspruchsvollsten Besonderheiten des H1978S ist die Verwendung von Titan für die Werkplatine. Während die meisten Uhrwerksplatinen in der Industrie aus Messing gefertigt werden, das anschließend galvanisch beschichtet wird, hat sich Hermès für Titan entschieden, um die Leichtigkeit und Robustheit des Hermès H08 Squelette-Gehäuses im Inneren fortzuführen.
Die Bearbeitung von Titan auf diesem mikromechanischen Niveau ist jedoch mit extremen Herausforderungen verbunden. Titan ist bekannt für seine Zähigkeit und schlechte Wärmeleitfähigkeit während der Zerspanung, was zu einem hohen Werkzeugverschleiß führt. Die Fertigung einer einzigen Platine für das H1978S dauert etwa zwei Stunden. Dies entspricht einer dreimal längeren Fertigungszeit im Vergleich zu herkömmlichen Messingplatinen. Dieser Mehraufwand ist ein direkter Beweis für den industriellen Ehrgeiz von Hermès, Materialien zu verwenden, die nicht nur dekorativ, sondern funktional überlegen sind. Titan ist korrosionsbeständig, antimagnetisch und bietet ein exzellentes Verhältnis von Festigkeit zu Gewicht, was die Uhr insgesamt widerstandsfähiger gegen Stöße macht.
Parallel zur Materialwahl wurden wesentliche mechanische Komponenten optimiert. Das Werk der Hermès H08 Squelette verfügt über ein überarbeitetes Federhaus und eine verbesserte Zahnradgeometrie. Die Optimierung der Zahnform dient dazu, die Reibung im Räderwerk zu minimieren und die Energieübertragung vom Federhaus zur Hemmung effizienter zu gestalten.
Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Gangreserve und der Konstanz der Energieabgabe. Das H1978S nutzt zwei Federhäuser. Dieses System ermöglicht es, eine stabilere Drehmomentkurve über die gesamte Laufzeit von etwa 65 Stunden zu gewährleisten. Eine konstantere Energieabgabe führt unmittelbar zu einer höheren Ganggenauigkeit, da die Amplitude der Unruh über einen längeren Zeitraum stabil bleibt.
Ein skelettiertes Werk verlangt nach einem ebenso transparenten Rotor, um die Sicht auf die Mechanik nicht zu blockieren. Hier standen die Ingenieure vor einer besonderen Herausforderung: Ein Rotor benötigt Masse, um durch die Armbewegungen des Trägers genügend kinetische Energie für den Aufzug zu erzeugen. Skelettiert man einen Rotor jedoch stark, verliert er an Gewicht.
Die Lösung bei der Hermès H08 Squelette basiert auf einer Kombination aus gezielter Materialwahl und präziser Formgebung: Da der Rotor aus Wolfram gefertigt ist – einem Material, dessen Dichte deutlich über der von Stahl oder Titan liegt und mit Gold vergleichbar ist –, bleibt trotz der filigranen, skelettierten Struktur das notwendige Trägheitsmoment für einen effizienten Aufzug erhalten. Parallel dazu wurde die gestalterische Herausforderung gelöst, den Rotor optisch mit dem charakteristischen Kissen-Gehäuse der H08 in Einklang zu bringen, ohne die technisch erforderliche, exakt kreisförmige Aufzugsbewegung zu beeinträchtigen.
Zusätzlich implementierte Hermès ein innovatives Schutzsystem, die sogenannte „Zirkonium-Galeere“. Da der skelettierte Rotor aufgrund seiner Konstruktion breiter ist als Standardmodelle und die Brücken aus Titan bestehen, bestand die theoretische Gefahr, dass der Rotor bei starken Erschütterungen die Brücken berührt und Kratzer verursacht. Um dies zu verhindern, wurden strategisch kleine Zirkonium-Kugeln als Abstandshalter platziert. Diese Keramikelemente fungieren als Puffer und verhindern jeglichen direkten Metall-auf-Metall-Kontakt zwischen Rotor und Werkbrücken, was die Langlebigkeit des Werks über Jahrzehnte sichern soll.
Ein echtes Novum bei der Einführung der Hermès H08 Squelette ist die Ankündigung einer 10-jährigen internationalen Garantie. Dies ist das erste Mal, dass Hermès ein solches Versprechen für die H08-Kollektion gibt. Zum Vergleich: Die meisten Luxusuhrenhersteller bieten standardmäßig zwei Jahre, einige Top-Marken wie Rolex oder Omega haben diesen Zeitraum auf fünf Jahre verlängert. In wenigen Fällen wie bei Jager-LeCoutre, IWC oder Vacheron Constantin können es auch acht Jahre sein. Ein Jahrzehnt an Garantie ist in der mechanischen Uhrmacherei eine Seltenheit und ein klares Statement für das Vertrauen in die eigene Konstruktion.
Diese Garantieerweiterung ist das Ergebnis von fünf Jahren intensiver Forschung und Labortests. Laurent Dordet, CEO von Hermès Horloger, betont bei der Präsentation, dass das Werk Belastungstests unterzogen wurde, die eine tägliche, intensive sportliche Nutzung simulieren.
Die Hermès H08 Squelette bleibt dem von Philippe Delhotal entworfenen Design-Ethos treu, treibt es aber durch die radikale Offenlegung der Mechanik in eine neue Dimension. Das 39 mm breite Kissen-Gehäuse der Hermès H08 Squelette besteht aus DLC-beschichtetem Titan, das für seine dunkle, mattierte Optik und seine extreme Härte bekannt ist. Die Lünette aus satinierter Keramik mit spiegelpolierten Fasen rahmt das skelettierte Schauspiel ein und verleiht der Uhr eine architektonische Tiefe.
Ein zentrales Merkmal jeder Hermès-Uhr ist die Typografie. Bei der Hermès H08 Squelette sind die arabischen Ziffern auf einem grauen, transferierten Minutenring appliziert, der über dem offenen Werk zu schweben scheint. Die Ziffern selbst sind mit Super-LumiNova beschichtet, was nicht nur die Ablesbarkeit bei Nacht garantiert, sondern auch einen interessanten Kontrast zu den schwarzen PVD-beschichteten Zeigern bildet. In der „Bleu Saint-Cyr“-Version leuchten die Ziffern und Zeiger in einem lebendigen Blau, was der technischen Strenge des Werks eine spielerische Note verleiht.
Die Skelettierung des H1978S ist so konzipiert, dass sie ein Spiel von Licht und Schatten erzeugt. Die Brücken sind schwarz beschichtet, was die silbernen Töne der Zahnräder und die schwarzen Zirkonium-Lagersteine besonders hervorhebt. Anstelle von traditionellen Genfer Streifen findet man hier oft eine feine Körnung oder Satinierung, die den modernen, industriellen Charakter der Hermès H08 Squelette unterstreicht. Die Transparenz ist so weit geführt, dass man durch das Werk hindurchsehen kann, ohne dass die strukturelle Stabilität des Zeitmessers beeinträchtigt wird.
Die Hermès H08 Squelette ist mehr als nur eine skelettierte Uhr; die Hermès H08 Squelette ist das physische Manifest der mechanischen Reife eines Hauses, das sich über Jahrzehnte hinweg seine Unabhängigkeit erkämpft hat.
Die technischen Innovationen des Kalibers H1978S – von der extrem aufwendigen Titan-Platine (2 Stunden Fertigungszeit) über den effizienten Wolfram-Rotor bis hin zur schützenden Zirkonium-Galeere – zeigen, dass Hermès keine Kompromisse bei der Qualität eingeht. Dass diese Uhr zudem mit einer 10-jährigen Garantie ausgestattet wird, ist ein mutiger und auch selbstbewusster Schritt, der sich von der Konkurrenz abhebt und dem Kunden Sicherheit bietet.
Hermès gibt mit der H08 Squelette nicht nur den Blick frei ins Herz der Zeit; sie haben ihr auch eine neue, transparente und äußerst zuverlässige Architektur gegeben.