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Teil 1: Die Patek Philippe „Advanced Research” Fortissimo Ref. 5750P

Teil 1: Die Patek Philippe „Advanced Research” Fortissimo Ref. 5750P

Swisswatches-Kolumne-mit-Alexander-und-Philippe-Deutsch

Sie lieben Zeitmesser und machen daraus kein Geheimnis: Unsere Horologie-Fachsimpler Philippe und Alexander im Gespräch.


Der Elefant im Raum


Philippe: Eigentlich kann man nicht über die neue Advanced Research Minutenrepetition von Patek Philippe sprechen ohne vorher über das zu reden, was letzten Samstag passiert ist.

Alexander: Die Phillips Auktion in New York?

Philippe: Genau. Ich war kurz danach in München italienisch essen, und wir sprachen über das Ergebnis der Auktion. Die Kellnerin schnappte nur die Zahl auf – 5,35 Millionen Dollar! – und wusste sofort, dass wir über die Tiffany-Nautilus sprachen. Und das soll jetzt nicht despektierlich gegenüber der Dame klingen, aber: Uhrenauktionsergebnisse sind halt normalerweise nicht Allgemeinwissen.

Alexander: Es zeigt allemal was für ein maximaler Marketing-Erfolg die Tiffany-Nautilus ist, und zwar einer, von dem Tiffany & Co. in meinen Augen mehr profitiert als Patek Philippe. Denn die Millionen-Dollar-Verbindung mit Patek Philippe ist nun wirklich allgegenwärtig, was für Tiffany & Co. ein unschätzbarer wert ist, denn so berühmt die Marke auch ist, am Ende macht sie die Masse an Geschäft sicherlich mit relativ „normalem“ Silber- und Goldschmuck, und nicht mit Haute Joillerie.

Philippe: So oder so muss man einfach festhalten: Das Ergebnis ist gigantisch. Wobei die Differenz zwischen offiziellem Verkaufspreis und Auktionsergebnis in den USA offenbar von der Steuer absetzbar ist – es war schließlich eine Charity-Spende. Der Käufer hat also auch einen gewissen Nutzen. All das lenkt aber nicht davon ab, dass 2021 DAS Patek-Philippe-Jahr schlechthin ist. Es fing bereits mit einem ziemlich aufgeheizten Uhrenmarkt an, und nach den Neuvorstellungen in diesem Jahr und dem Hype um die Einstellung der Nautilus Ref. 5711 muss man sich fragen: Wie soll man das im kommenden Jahr noch toppen?

Alexander: Vielleicht geht es gerade tatsächlich weniger ums toppen, und mehr ums erden. Also darum die unglaubliche Begehrlichkeit der Marke weiter zu erhalten – und daran zu erinnern, dass Patek Philippe eben weitaus mehr als die Nautilus ist. Und genau da kommt dann die neue Minutenrepetition ins Spiel. Eine Uhr, die Dich nicht hundertprozentig begeistert hat – oder?


Patek Philippe „Advanced Research“ Fortissimo Ref. 5750P


Schau mal: Sie ist die Neue hier


Philippe: Das ist dann doch etwas seeeehr komprimiert zusammengefasst! Die Uhr ist technisch unendlich beeindruckend! Über das Design kann man aber streiten, und so anspruchsvoll die Herstellung des Blattes auch sein mag: „Mein“ Design ist es nicht. Ich verstehe aber durchaus die Idee hinter der Uhr, also den Gedanken zu zeigen was alles geht, und dabei die Marke zu verjüngen, und dafür dann auch mit einem Band auszustatten, dass in der Farbgebung nicht „typisch Patek“ ist. Die Uhr ist halt komplett anders als beispielsweise eine Referenz 5270, der Chronograph mit Ewigem Kalender. Bei dem kann man die Design-Entwicklung und die Historie von 5970 über 3970 hin zu 2499 und 1518 klar rückverfolgen. Aber davon losgelöst muss ich etwas sagen, wofür man mich vermutlich ächten wird: Ich verstehe nicht so recht, welchen Nutzwert eine Minutenrepetition hat. Natürlich, der Klang so einer Uhr berührt mich zutiefst und sorgt für Gänsehaut, aber einen Nutzen hat sie doch eigentlich nur Nachts im Bett, wenn man die Zeitanzeige nicht sehen kann. Dann aber bin ich mir nicht sicher ob Deine Lebensgefährtin happy ist, wenn Du die Minutenrepetition losbimmeln lässt – erst recht nicht, wenn diese bei der neuen 5750P so viel lauter ist als bei den Vorgängern. Anscheinend hört man sie ja sogar aus 60 Metern noch ziemlich gut. 

Alexander: Für Dich wäre die Referenz also nichts?

Philippe: Die Frage stellt sich aus unterschiedlichen Gründen nicht. Zum einen habe ich kein so ausgeprägtes Faible für Minutenrepetitionen. Zum anderen würde ich nie eine so wertvolle Uhr tragen und auch nicht kaufen. Du etwa? Stellen wir uns folgende Situation vor: Das deutsche Wirtschaftsministerium teilt Dir mit, dass man die Schweizer Uhrenbranche als unterstützenswerte Industrie ausgemacht habe, und Du bekommst deshalb eine halbe Million Euro Guthaben zur freien Verfügung bei Patek Philippe. Wäre dann die 5750P Deine Wahl?


Preisfrage: Was ist sie Dir wert?


Alexander: Guter Punkt. Vielleicht würde ich tatsächlich lieber drei, vier, fünf oder noch mehr unterschiedliche andere Referenzen wählen. Dennoch hat es mir die neue Advanced Research extrem angetan, und so vollkommen absurd es klingen mag: Die Uhr ist in Anbetracht ihrer Seltenheit im Vergleich zu anderen Minutenrepetitionen preislich fast zurückhaltend kalkuliert.

Aber lassen wir mal den Preis beiseite und sprechen vom Wert: Patek Philippe hat in meinen Augen mit der 5750P die ultimative „F***-You-Watch“ präsentiert. So würde man es in Genf natürlich nie ausdrücken, darum etwas eleganter formuliert: Sie zementiert den Anspruch und den verdienten Ruf die besten Uhren der Welt herzustellen. Keine Frage, die Referenz ist optisch ungewohnt. Aber ich mag das Design. Und mit der Kombination aus sehr klassischer und zugleich innovativer Haute Horologie, den gerade mal 40 Millimeter Durchmesser, mit Platin als Material und einem für Patek Philippe sehr ungewohnten Design ist die Uhr auch ein lässiger Wink in Richtung der Konkurrenz. Damit meine ich die vielen kleineren Independent-Marken, die für ihren horologischen Wagemut gefeiert werden. Diese Uhr spricht für Patek Philippe: „Wenn wir wollen, dann können wir ALLES – und im Zweifelsfall besser als ihr!“ Es ist eine Uhr die auf all das hinweist, was Patek Philippe jenseits der Nautilus kann. Sie zeigt, wie eine Marke sich modern zeigen und stetig erneuern kann, ohne ihre Seele zu verlieren. Und mit ihrer Limitierung auf lediglich 15 Exemplare ist es ohnehin eine Uhr, die mehr als Statement und weniger als großer Umsatzbringer vorgestellt wurde. So klein der Markt für Minutenrepetitionen auch sein mag: Man hätte deutlich mehr verkaufen können. Und nach Deutschland, so habe ich zumindest gehört, kommt keine einzige.

Philippe: Das ist übrigens wirklich spannend: Nicht alle Advanced Research Modelle waren oder sind begehrt. Die erste, einen Jahreskalender, hat man 2005 vorgestellt. Es folgten dann weitere Modelle in den Jahren 2006, 2008 und 2011. Einen richtigen Hype gab es aber erst 2017 mit der Aquanaut Travel Time Advanced Research Ref. 5650G, von der es 500 Exemplare gibt, und die inzwischen zu Preisen jenseits der 500.000 Euro gehandelt werden. Die älteren Advanced Research hingegen, von denen es auch zwischen 100 und 300 Exemplare gibt, sind nicht annähernd so begehrt.

Alexander: Bei dieser Uhr hingegen dürfte der Zweitmarkt vermutlich auch durchdrehen, wobei ich nicht glaube, dass auch nur eine Uhr in näherer Zukunft zum Verkauf angeboten wird. Aber genau das finde ich bei dieser Uhr dann auch so toll: Sie stellt einen Wert dar und ist darüber erhaben Spekulationsobjekt zu sein ­– weil Sie eine Art Leistungsschau ist.


Der Ausblick


Philippe: Ja, und weil man hofft, dass die hier verwendete Technik auch ihren Weg in die Serie findet. So wie man bei Innovationen aus der Formel 1 auch davon ausgeht, dass sie ihren Weg über die S- irgendwann in A-Klasse finden. Aber auch, weil die Neuheiten für die kommenden sieben Jahre bei Patek Philippe ja angeblich alle schon feststehen, und dieses Modell ein Gefühl dafür gibt, in welche Richtung sich die Marke entwickelt. Es wäre doch toll, wenn eine ähnliche Minutenrepetition bald vorgestellt wird. Die „Advanced Research“ aus den früheren Modellen, wo es meist um den Einsatz von Silikonteilen im Uhrwerk ging, hat man schließlich auch später anderweitig genutzt. Nur eines finde ich schade.

Alexander: Was denn?

Philippe: Dass man die 5750P vermutlich nie sehen wird. Bei einer so extremen und wertvollen Uhr wie dieser, geht es mir und den allermeisten anderen doch gar nicht darum sie zu besitzen. Zu wissen, dass so etwas machbar ist reicht doch. Aber es wäre schön, wenn man ein Exemplar auf eine Roadshow schicken würde. Ich gehe davon aus, dass ein Modell im Patek-Philippe-Museum bleibt, und es wäre doch gut, wenn man diese Uhr zur Ausstellung rund um die Welt schicken würde. Diese Neuheit ist schließlich mindestens so spannend wie eine Grandmaster Chime, und dabei deutlich rarer.

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